Zukunftsweisendes Rostock

Land

Chemikerin Elina Ausekle forscht an der Entwicklung zur Energiegewinnung aus Umgebungsluft. (Bild: Marieke Sobiech)

Rostock feiert 2018 sein 800-jähriges Stadtjubiläum. Damals zählte der Ort wenige Tausend Einwohner, heute ist er Heimat von mehr als 200.000 Menschen. Drei junge Unternehmen setzen hier auf zukunftsweisende, nachhaltige Entwicklungen, die das eigene Zuhause und die Welt ein bisschen besser machen.

Text von Marieke Sobiech

Mit dem Willpower-System will Gensoric eine neue Ära der Energiespeicherung einläuten. (Bild: Marieke Sobiech)

Als die Stadt Rostock im 14. Jahrhundert das Dorf Warnemünde kaufte, um sich den Zugang zur Ostsee zu sichern, standen dort kaum mehr als ein paar Fischerhütten. Heute ist das Seebad beliebtes Ausflugsziel und Standort eines erfolgreichen Technologiezentrums. Hier befindet sich das Labor der Gensoric GmbH. Formeln und Testergebnisse zieren die gekachelten Wände.

Mittendrin, circa ein mal zwei Meter groß, steht die mögliche Revolution in der Energiegewinnung: ein Prototyp von „Willpower Energy“, der weltweit ersten Bio-Therme. „Vom Konsumenten zum Produzenten“ lautet die Vision der Rostocker Forscher. Jeder Haushalt soll umweltfreundlich die Energie, die er benötigt, selbst generieren und speichern können – mithilfe einer unendlichen, natürlichen Ressource: CO₂. Luft.

Energie aus Luft

Das Prinzip: Mit Kohlenstoffdioxid aus der Umgebung erzeugt die Anlage im Zusammenspiel mit Wasser, Enzymen und Strom – zum Beispiel vom eigenen Solarmodul – Methanol. Es dient als Energiespeicher und Kraftstoff, etwa zum Beheizen des Hauses. Völlige Autarkie von „Energie-Dinosauriern“ wie Kohle, Öl oder Gas, großen Stromversorgern und ökologisch bedenklichen Speicherbatterien ist das Ziel.

„Methanol – nicht zu verwechseln mit Methan – ist als klimaschonender Energieträger vielen noch unbekannt“, weiß Elina Ausekle. Sie ist Projektverantwortliche für den Bereich der anorganischen Katalysator-Entwicklung. Da Enzyme teuer sind, forscht die Chemikerin – die parallel an der Rostocker Universität promoviert – im Warnemünder Labor an Alternativen. Schließlich muss die Anlage, soll sie marktfähig sein, bezahlbar bleiben. Elina Ausekle ist eins von 18 internationalen Teammitgliedern, die an dem EU-geförderten Projekt beteiligt sind. Seit fünf Jahren lebt die Lettin in Deutschland, im Sommer 2017 begann sie ihre Arbeit bei Gensoric: „Die Idee der Bio-Therme begeistert mich. Es motiviert, an etwas mitzuwirken, das zukunftsweisend für unsere Umwelt sein kann.“ „Willpower Energy“ scheint den Nerv vieler zu treffen: Zahlreiche Anfragen von Hausbesitzern haben die Firma seit Bekanntwerden der Entwicklung erreicht. Im Zuge einer Crowdfunding-Kampagne kam durch private Kleininvestoren eine mittlere sechsstellige Summe zusammen. Und jüngst gab es einen Preis beim Klima-Wettbewerb der Elite-Universität MIT in Boston.

Rostock ist die Heimat von mehr als 200.000 Menschen und bietet beste Voraussetzungen für zukunftsweisende Entwicklungen. (Bild: aprott)

Die erste Pilotanlage läuft bereits. Kommen weitere Kapitalgeber mit an Bord, könnte die Innovation 2019 ihre Marktreife erlangen. „Jemand muss ja mit der echten Energiewende anfangen, warum also nicht wir? Anhand der vorliegenden Ergebnisse glaube ich an den Durchbruch“, ist Elina Ausekle überzeugt.

Um eine „Willpower Energy“-Anlage zu betreiben, wäre eigener Strom aus Sonnenkraft einsetzbar. Was viele Solaranlagen-Besitzer nicht wissen: Die Photovoltaik-Investition erwirtschaftet oft nicht das, was sie könnte. Diesem Problem hat sich das Start-up powerdoo angenommen.

Sonnenkraft ohne Verluste

Aus ihren Bürofenstern blicken Geschäftsführer Johannes Dahl und sein Partner Steffen Mangold auf den Fracht- und Fischereihafen. Hebekräne ragen in die Höhe, Container stapeln sich, Schiffe legen vom Warnowkai Richtung Ostsee ab. Die Sonne scheint. Ein guter Tag für alle, die auf die regenerative Energiequelle setzen. Aber: „Die meisten Solaranlagen büßen mit der Zeit einen Teil ihrer Wirtschaftlichkeit ein. Gründe dafür können Verunreinigungen sein, Moosbewuchs, Verschattung durch wachsende Bäume oder der Ausfall von Solarmodulen“, erklärt Dahl. „Eine digitale Überwachung macht auf diese Fälle aufmerksam.“ Solch eine Monitoring-Software hat das Unternehmen entwickelt. Davon gibt es einige auf dem Markt, doch im Gegensatz zum powerdoo-System sind diese herstellergebunden. Seine Hardware-Unabhängigkeit macht das Rostocker Angebot besonders. Das Programm prüft in Echtzeit alle Werte der Anlage und des Wechselrichters. Durch das gezielte Fehler-Management können Stromerträge um bis zu zehn Prozent gesteigert werden. Gerade bei großen Anlagen mache sich ein Ausfall finanziell schnell bemerkbar, so Dahl: „Hier muss sofort reagiert werden, sonst drohen Verluste von mehreren Zehntausend Euro am Tag.“

»Die Nutzbarkeit grüner Energie ist ein Geschenk, von dem wir nichts verschenken sollten.«

Johannes Dahl, Powerdoo

Der gebürtige Rostocker arbeitete während seines BWL- Studiums bei einem Solaranlagen-Hersteller, Steffen Mangold als Programmierer im selben Gebäude.

Als sich die beiden Männer kennenlernten, schilderte Dahl den umständlichen Arbeitsaufwand: Auswertungen unzähliger Solar-Portale, die zusammengeführt und in Excel-Tabellen übertragen werden mussten. Gemeinsam entwickelten sie ein erstes Schnittstellen-Programm. Vor drei Jahren wagten sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Jetzt betreut powerdoo mehr als 8.000 Photovoltaik-Systeme weltweit, darunter Anlagen in Europa, Südafrika, Japan und Dubai. Deren Gesamtleistung ergibt rund 850 Megawatt, so viel wie die eines Atomkraftwerkes. 

Auf weltweitem Erfolgskurs für beste Solar-Effizienz: powerdoo-Geschäftsführer Steffen Mangold und Johannes Dahl mit der Marketing-Verantwortlichen Luisa Schröder. (Bild: Marieke Sobiech)

Während moderne Solaranlagen von powerdoo problemlos überwacht werden können, sind ältere Anlagen nicht „von Haus aus verdrahtet“, bestätigt Dahl. Für diese Solarinstallationen, von denen es allein in Deutschland etwa eine Million gibt, tüftelt das fünfköpfige Team derzeit an einer Lösung. Ende des Jahres soll der Prototyp fertig sein.

Mit Volldampf sparen

Folgt man vom Hafen stadteinwärts dem Lauf der Warnow, gelangt man zum ehemaligen Gelände der traditionsreichen Neptun-Werft. „Businesspark Werftstraße“ steht am Eingangstor gegenüber. Hier, in seinem Büro, stellt Stefan Goletzke ein großes Glas auf den Tisch und gießt Wasser ein. „Diese Menge entweicht in Form von Wasserdampf während eines Duschgangs“, erklärt der Geschäftsführer der Duschkraft GmbH. Durchschnittlich 400 Milliliter H₂O, das sich im Raum verteilt und bei unzureichender Belüftung gesundheitsgefährdenden Schimmel entstehen lässt. Und den hat laut Studien jeder sechste Deutsche in seinem Zuhause, vor allem im Badezimmer. Empfohlen wird daher, nach dem Duschen zwei bis drei Mal je zehn Minuten zu lüften. „Doch wer macht das schon?“, fragt Goletzke.

(Bild: Marieke Sobiech)

Im damaligen Bad der Studenten-WG seines Mitgründers David Bredt tat dies jedenfalls keiner – mit bekannten Folgen. So entstand die Idee des Duschentfeuchters: Der warme Dampf wird durch einen Ventilator eingesogen und kondensiert an einer vergrößerten Kaltwasser-Leitung. Im Gehäuse sammelt sich die Flüssigkeit und wird wieder nach unten in die Duschwanne abgegeben. Positiver Nebeneffekt: Das kalte Wasser aus der Leitung erwärmt sich durch den Prozess um fünf bis acht Grad – während des Duschens muss weniger Warmwasser hinzugemischt werden. Rund 200 Wattstunden können so pro Duschgang eingespart werden.

Im April 2015 hatten die Maschinenbau-Ingenieure David Bredt und Arvid Reinwaldt den ersten Prototyp entwickelt. Den Praxistest führten die drei späteren Gründer in ihren Privat- bädern durch. „Das Gerät funktionierte besser als in der Theorie gedacht“, lacht Stefan Goletzke. Im Klimalabor des Rostocker Fraunhofer-Instituts konnte die Entwicklung unter konstanten Bedingungen geprüft werden. Doch bis der Status quo erreicht war, bauten die Jungunternehmer fast 30 Modelle. „Die größte Herausforderung war, den Spagat zwischen Größe und Effizienz, Wirkungsgrad und Lautstärke zu meistern.“ Etwa einen Meter Länge, 25 Zentimeter Breite und sechs Zentimeter Tiefe misst das fertige Produkt nun. Der zum Patent angemeldete Duschentfeuchter – der auch in Bestandsbädern nachgerüstet werden kann – „schluckt“ bis zu 65 Prozent der Nässe, ist kostengünstiger als vergleichbare Luftentfeuchter und effizienter als eingebaute Deckenlüfter.

30 Prototypen bis zur Marktreife: Die Duschkraft-Gründer Stefan Goletzke, Arvid Reinwaldt und David Bredt haben nun die ersten fertigen Duschentfeuchter „an das Bad gebracht“. (Bild: Marieke Sobiech)

Mehrere Innovationspreise hat das Start-up schon gewonnen. Auch das Land MV erkannte das Potenzial: Die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft stieg als Investor ein. Jetzt wurden erste Duschentfeuchter an Privatkunden geliefert. Und ein großer Ausstatter von Sanitäranlagen hat angeklopft: Er will Fernfahrerduschen auf Raststätten mit „Duschkraft“ ausrüsten. Noch stellt das sechsköpfige Team Spezialteile mit dem eigenen 3D-Drucker her und setzt die Geräte in der Montagehalle nebenan zusammen. Bald soll die Produktion richtig Fahrt aufnehmen, wünscht sich Betriebswirt Goletzke nicht nur aus unternehmerischer Sicht: „Das Thema Nachhaltigkeit ist für mich wie eine Ersatzreligion“, sagt der 30-Jährige. Und nimmt einen Schluck Wasser.