Tief im Meer und hart am Wind

Land

Unter Wasser zum Erfolg: Eyk-Uwe Pap (Bild: Silke Winkler)

Die maritime Industrie ist eine wichtige Säule der Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns. Technisch hochversierte Ingenieure und traditionelle Handwerker verkaufen ihr Können und ihren Service direkt vor Ort oder aber weltweit. Vier kurze Einblicke in eine sehr breit gefächerte Branche, die von Wind, Wasser und Wellen lebt.

Text: Andreas Frost

Es sind die unkonventionellen Aufträge, die Eyk-Uwe Pap reizen. Der „Alte Schwede“, ein riesiger Findling so schwer wie ein Airbus A330, war im Weg, als in Hamburg die Elbe vertieft wurde. Pap bastelte ein Modell des Spezialgeschirrs, mit dem erden Stein heben wollte – und überzeugte die hanseatischen Hafenchefs. Im strömenden, schmutzigen Wasser spülten Paps Taucher mit Hochdruckdüsen Rinnen in den lehmigen Grund unter dem Findling, damit das Hebegeschirr zugreifen konnte. Heute liegt der Eiszeitriese als Touristenattraktion am Elbufer. Weltweit sind die Baltic-Diver-Teams der Rostocker Brüder Jens und Eyk-Uwe Pap seit knapp 25 Jahren im Einsatz.

Vom Grund des Mekong bargen sie ein Kreuzfahrtschiff, in Südkorea installierten sie Unterwasserströmungsturbinen, auf den Lofoten testeten sie ein U-Boot-Rettungssystem. Sie räumen Weltkriegsmunition vom Meeresboden und regelmäßig warten sie die Fundamente von Offshore-Windkraftanlagen und die Kabeltrassen, die den Strom an die Küste leiten. „Wir haben uns einen Ruf aufgebaut“, sagt Pap mit gewissem Stolz. Die Brüder wuchsen am Ostseestrand auf. „Wir waren schon immer vom Wasser und von Technik fasziniert“, sagt Pap.

Rostocker Berufstaucher "auf Montage" (Bild: Baltic Diver Germany)

In den 1990er Jahren bauten die beiden Berufstaucher aus den Überbleibseln eines DDR-Betriebs den Grundstock ihres eigenen Unternehmens auf. Heute sind die Baltic Diver Branchenprimus in Deutschland.„Berufstaucher sind die vielseitigsten Handwerker, die es gibt“, erläutert der Firmenchef, „egal ob Stahl, Beton, Holz, Kunststoff: Sie sägen, fräsen, bohren, schleifen oder streichen.“ Neben den Tauchern arbeiten an jedem Projekt Kapitäne, Schiffsausrüster, Vermesser, Ingenieure, IT-Spezialisten. Pap: „Da kann sich einer auf den anderen verlassen. Das muss auch so sein. “Die Baltic Diver betreiben ihre eigene Spezialschiff-Flotte, und sie entwickeln ihre eigenen Werkzeuge. Das Schweriner Wirtschaftsministerium und Rostocker Forschungsinstitute sind hilfreiche Kooperationspartner dabei. Manch komplizierte Arbeit übernehmen inzwischen ihre von Bord aus gesteuerten Tauchroboter. „Ich hab’ die Traditionen hinter und die Zukunftschancen vor mir“, sagt Eyk-Uwe Pap, „das ist für mich Mecklenburg-Vorpommern.“

Mit einem Oldtimer gegen den Mainstream

Zufrieden schaut Werftchef Matthias Lenz auf das Boot, das unterhalb seines Bürofensters im leicht gekräuselten Ostseewasser dümpelt. Im frischen Weiß strahlt die Yacht in der Frühjahrssonne und wartet auf ihren Eigner. Über den Winter haben die Bootsbauer in Lauterbach auf Rügen das Schiff rundum auf Vordermann gebracht. „Der Eigner muss nur noch die Segel setzen“, bringt Lenz den Service auf den Punkt.

Beim „Bootsbau Rügen“ wird noch per Hand geklebt, gebohrt, gefräst und geschliffen. So wird jedes Schiff zum Einzelstück. Die Vilm-Yachten, benannt nach einer kleinen naturbelassenen Insel, sind Schiffe für Individualisten, die das Meer bei aller sportlichen Herausforderung genießen wollen. Damit stellt sich Werftchef Lenz bewusst gegen den vorherrschenden Trend zu immer leichteren und schnelleren Schiffen. An Bord seiner „robusten Allwetterschiffe“ sollen sich alle wohlfühlen. Darum können die Eigner beim Ausbau der aus Glasfasern vorgefertigten Bootsschalen mitreden. Sie bestimmen, ob die Bootsbauer die Kajütemit Teak- oder Mahagonihölzern veredeln. Sie geben vor, wie lang die Kojen sein sollen. Sie reden mit, wie umfangreich der Stauraum und wie großzügig die Pantry ausgelegt wird. „Wer monatelang unterwegs ist, achtet auf andere Details als jener, der hauptsächlich Regatten segelt“, sagt Lenz.

Yachtbau in Handarbeit: Bootsbauer Tommy Stein und Werftchef Matthias Lenz. (Bild: Silke Winkler)

Seit 50 Jahren hat die Werft Erfahrungen im Yachtbau gesammelt. Lenz ist hier groß geworden. Sein Vater war dabei, als 1967 der erste Vilm-Motorsegler auf der London Boat Show vorgestellt wurde. Für die DDR wurden die gediegenen Schiffe zur willkommenen Devisenquelle. Noch heute fahren in den 1970er Jahren gebaute Vilm-Yachten durch die Karibik, vor Südafrika oder übers Mittelmeer. Manche Eigner bringen ihre Schiffe zum sogenannten Refit nach Lauterbach. „Wer seine Yacht von uns rundum aus- und nachbessern lässt“, sagt Werftchef Matthias Lenz, „hat einen ,Oldtimer der Meere‘, mit dem er garantiert gegen den Mainstream kreuzt.“

Maßanzüge für Boote

Wenn der romantisch angehauchte Laie weiße Dreiecke über die Ostseewellen schweben sieht, erkennt Birgit Boldt unterschiedliche Vorsegel, Großsegel oder Spinnaker. Seit 30 Jahren näht sie zusammen mit einer Handvoll Mitarbeiterin ihrer kleinen Werkstatt in Ribnitz-Damgarten Segel. Sie schaut sich die Boote an, bevor sie ihre Kunden berät, welche Art von Segel dazu passen.

„Ein individuell geschnittenes Segel ist wie ein Maßanzug fürs Boot“, sagt Birgit Boldt. Wobei einem Boot allerdings mehrere Maßanzüge stehen können. „Es kommt darauf an, ob der Skipper Regatten fahren oder Touren segeln will.“ Moderne Segel werden aus verschiedenen Materialien gefertigt. Laminate sind fester und halten das flache Profil des Segels. Polyestertücher sind weicher und können vom Skipper schneller geborgen werden, wenn Wind und Wetter auf See allzu rau werden. Hanf oder Leinen, einst Standard-Segeltücher, sind selbst auf Traditionsschiffen ausgemustert worden. „Nasses Leinentuch ist viel zu schwer und unhandlich“, erläutert Birgit Boldt.

Birgit Boldt näht seit 30 Jahren Segel. (Bild: Silke Winkler)

Ist der richtige Segelstoff ausgewählt, beginnt für sie die eigentliche Arbeit. Denn ein Segel ist viel mehr als ein simples dreieckiges Stück Tuch. Am Computer entwirft Birgit Boldt das Segel mit allen vom Kunden gewünschten Finessen. An einem meterlangen Plotter werden die einzelnen Bahnen des Segels mit heißem Werkzeug zugeschnitten, bevor sie per Hand aneinandergeklebt und vernäht werden. Einzelne Stellen werden verstärkt, Reff-Leisten und Lattentaschen, Regulierleinen und Rutscher angebracht.

Wer will, kann zusehen, wie der Maßanzug für sein Schiff in der Boldt´schen Werkstatt entsteht. Bis zu drei Tage hocken Birgit Boldt und ihre Mitarbeiter an den Spezial-Nähmaschinen neben dem Arbeitsboden, auf denen die Stoffbahnen ausgerollt werden. Birgit Boldt ist hier am Wasser als Seglerin groß geworden. Sie weiß, worauf es ankommt, um ein gutes Segel zu konstruieren. Sie hat das Fachwissen und die nötige Erfahrung. „Dennoch entscheide ich manche Details aus dem Bauch heraus.“

Dabei sein, wenn Neues entsteht

Frank Politz freut sich jeden Morgen auf seine Arbeit auf Wismars Werft. In drei Jahren wird hier das größte Kreuzfahrtschiff der Welt fertiggestellt – soweit es die Passagierzahlen betrifft. „Und ich bin dabei, wenn hier etwas Neues entsteht“, sagt Politz. Auf dem 340 Meter langen Cruiseliner haben über 5.000 Passagiere Platz. Das Schiff der „Global-Max-Klasse“, das erste einer ganzen Serie geplanter Neubauten, wird vor allem auf asiatischen Gewässern unterwegs sein. Denn Urlaub auf dem Wasser boomt in Fernost.

Die Werften in Wismar, Rostock und Stralsund gehören seit 2016 zur malaysischen Genting-Gruppe. Sie lässt hier die Flotte für die eigenen Kreuzfahrtlinien erweitern. So schaffen asiatische Urlaubstrends hochwertige Arbeitsplätze an Mecklenburg-Vorpommerns Küste. Auf 3.000 wollen die MV-Werften die Zahl der Jobs demnächst verdoppeln. Der mittlere Rumpf der Kreuzfahrtriesen wird in Rostock gefertigt und nach Wismar geschleppt. Dort werden Heck und Bug montiert und der Cruiseliner ausgestattet. Die Schiffe der MV-Werften werden nicht nur in Asien kreuzen. In Stralsund entstehen ab der zweiten Jahreshälfte 2017 kompakte Cruiseliner, die durch die Arktis touren können. Hubschrauber und Mini-U-Boote verschaffen den Passagieren zusätzliche Einblicke in die Wasserwelt.

Frank Politz koordiniert in Wismar den Bau von Kreuzfahrtsschiffen. 

Frank Politz koordiniert in Wismar als Projektleiter den Bau von vier luxuriösen Flusskreuzfahrtschiffen. Auf ihnen sollen amerikanische Touristen auf dem Rhein und der Donau mit allem Komfort gemütlich durch Europa schippern. „Wenn unser Kunde Änderungen wünscht, müssen mein Team und ich zum Beispiel kalkulieren, wie sich das auf die Geschwindigkeit oder das Gewicht des Schiffes auswirkt und ob die Lieferfristen eingehalten werden“, erläutert Frank Politz. Der gebürtige Rostocker hat Schiffbauer von der Pike auf gelernt, Maschinenbau studiert und ein Diplom als Kaufmann draufgesattelt.

Schiffe bauen können sie in Mecklenburg-Vorpommern seit Langem. „Jetzt aber lautet die Herausforderung, es weltweit in die Spitzengruppe bei den Cruiselinern zu schaffen“, sagt Politz voller Zuversicht. Denn Herausforderungen haben die Schiffbauer in Wismar, Rostock und Stralsund schon viele gemeistert.