Vorpommern ganz vorn

Land

Vorpommern: Das sind die Ostsee und die Peene, das sind Inseln, Dörfer, Hansestädte und der Ruf, etwas abgeschieden zu sein. Doch inmitten von Ruhe und Idylle wächst wirtschaftlicher Erfolg durch Innovation: Vorpommern ist als idealer Standort ganz vorn.

Text: Marieke Sobiech

Als Dr. Thomas Kühmstedt vor 35 Jahren seine Schiffbauerlehre an der Stralsunder Volkswerft absolvierte, ahnten weder er noch seine damaligen Kollegen, dass sich Schiffe einst mittels Sonnenenergie emissionsfrei über das Wasser bewegen werden. Seit Kurzem ist das Realität, dank Manager Kühmstedt und dem Team der Ostseestaal GmbH & Co. KG. Mit „grünen“ Fahrgastschiffen und der weltweit ersten elektro-solarbetriebenen Fluss-Autofähre sorgt das Unternehmen für Furore: „Wir bringen die E-Mobilität aufs Wasser“, ist Kühmstedt stolz auf die hauseigene Entwicklung und hofft auf eine gewaltige Nachfrage.

Aus dem Bürofenster neben der riesigen Werkhalle unweit vom Strelasund kann er seinen früheren Werft-Ausbildungsplatz sehen. Der Schiffbauingenieur, dessen Know-how international gefragt ist, kehrte eines Tages zurück nach Vorpommern; für ihn der perfekte Standort – beruflich wie privat. Die Ostseestaal GmbH & Co. KG, ein traditionelles Schiffbau-Zulieferunternehmen, hatte sich 1999 hier in der Hansestadt Stralsund angesiedelt.

Extrakte aus Pflanzen

Efeu, Thymian, Primel oder Artischocke - das sind nur einige der Rohstoffe, die der Anklam Extrakt GmbH als Grundlage für ihre Produkte dienen. Das junge Unternehmen aus der gleichnamigen Hansestadt Anklam produziert und vertreibt qualitativ hochwertige Pflanzenextrakte für die Pharma- und Lebensmittelbranche.
(Bild: Anklam Extrakt GmbH)

www.anklam-extrakt.de

Doch die Investoren aus den Niederlanden und das Team um Kühmstedt wussten: „Keine Branche ist krisengeschützt, Monokultur kann gefährlich sein.“ Frühzeitig wurden die Geschäftsfelder erweitert. Mit der Hochschule Stralsund hatten die Techniker ein Verfahren zur 3D-Kaltverformung entwickelt, das auch für komplexe Stahlblechteile beim Bau von Wasser- und Windkraftanlagen, Flugzeugen und anspruchsvoller Architektur anwendbar ist. „Das können wir richtig gut“, sagt Kühmstedt selbstbewusst. Auch andere sehen das so. Konzerne aus ganz Westeuropa gehören mittlerweile zur Kundschaft. In Abu-Dhabi ist derweil ein wahres Brückenkunstwerk von Ostseestaal zu bestaunen. Zu weit weg? Der 51-jährige Familienvater lacht: „Dann besuchen Sie mit Ihren Kindern das Ozeaneum.“ Die imposanten Metallformen an der Fassade des Meereswelten-Museums sind nämlich auch echte „Staalsunder“.

Der Stoff, aus dem Geschichten sind

„Elfen“, „Rosen“, „Piraten“: In der Nähstube von Sylvia Benda liegen in beschrifteten Kästen Tausende Stoffstücke nach Motiven und Farben sortiert. Hier unterm Dach, zwischen zwei Kinderzimmern, hat sie ihren „Firmensitz“. Wichtigste Mitarbeiterin ist eine Singer-Nähmaschine von 1958. Die vierfache Mutter näht damit Geschichtenkissen.

(Bild: Marieke Sobiech)

Ihre eigene Geschichte hätte kaum genügend Platz auf dem 50 mal 50 Zentimeter großen Textil – das Kissen würde im buchstäblichen Sinn aus allen Nähten platzen. Als ihre Tochter an Leukämie erkrankte und auf der Greifswalder Kinderkrebsstation behandelt wurde, fertigte Benda bunte Katheter-Täschchen für sie und die kleinen Mitpatienten an. Nach einem Aufruf für Stoffspenden war die Resonanz so groß, dass die Hausfrau genügend Material hatte, um einer neuen Idee für die kranken Kinder nachzugehen: Kissen – farbenreich genäht mit vielfältigen Applikationen – zum Kuscheln, Trösten und Fantasie anregen. „Mit den Geschichtenkissen kann jeder auf Entdeckungsreise gehen, die Muster inspirieren zu Träumereien. Sie sind Bilderbücher aus Stoff“, sagt Benda.

Ihr Ehrenamt für die Uniklinik wurde 2016 mit einer nationalen Auszeichnung gewürdigt, inklusive Einladung zum Bundespräsidenten. „Das Glamouröse ist nicht so meine Welt“, gesteht die kreative Frau, die in einem Dorf nahe Altentreptow lebt und arbeitet, „aber ich freue mich sehr über die Anerkennung.“ Ein Fernsehbeitrag über ihr soziales Engagement sorgte dann für noch mehr Aufmerksamkeit – und für volle Auftragsbücher. Denn mittlerweile hat Benda ihr Talent zum Beruf gemacht. Die kunstvollen Geschichtenkissen kann nun jedermann bei ihr bestellen, zu Geburten, Hochzeiten oder einfach für sich selbst. Tatsächlich scheint die 48-Jährige damit einen Nerv zu treffen: „Viele Menschen, die ein Kissen in Auftrag geben, wollen reden und ihre Geschichte erzählen.“ Sylvia Bendas eigene Geschichte ist gut ausgegangen. Ihre Tochter wurde geheilt. Geschichtenkissen für die Kinder in Greifswald näht sie weiterhin und hofft, dass die Elfenmädchen und Piratenjungs bald wieder gesund
werden.

Sylvia Benda hat sich mit den Geschichtenkissen ihre persönliche Erfolgsgeschichte genäht. (Bild: Marieke Sobiech)

Schmuckes aus dem „Gold der Ostsee“

Ein silberner Miniatur-Windflüchter – die wettergebeugten Küstenbäume – fasst den geschliffenen Bernstein auf dem Ring ein. Die Gestaltungsvorlage für dieses Schmuckstück liegt zusammen mit anderen in einem raumhohen Tresor: dem gut geschützten Herz der Firma.

Das Modell ist eines von 28.000, die von der Ostsee-Schmuck GmbH in Ribnitz-Damgarten hergestellt werden. Seit 1948 gibt es das Unternehmen. Damals als staatliche Manufaktur gegründet, mit zeitweise 600 Mitarbeitern, wird es nun von den Inhabern Eckhard Hinz und Thomas Radtke geleitet. Hinz verantwortete seit 1986 die Produktion und übernahm nach der Wende Geschäftsanteile von der Treuhand. Radtke absolvierte hier zu DDR-Zeiten die Goldschmiedelehre und kam 2004 zurück. Die beiden Männer haben aus einem „Wende-Wackelkandidaten“ ein fortschrittliches Unternehmen gemacht. „Dafür mussten wir erst Marktwirtschaft lernen“, erzählt Hinz vom beschwerlichen Weg, den sie mit dem einstigen „Exportriesen mit Niedrigpreisen“ gingen. Heute nennen sie die größte Bernstein-Verkaufsausstellung Europas ihr Eigen, die von rund 40.000 Touristen jährlich besucht wird. Sie beliefern Großkunden wie Aida und Karstadt mit eigenen Kollektionen, dazu 1.200 Einzelhändler. Auch im Online-Geschäft sind die Schmuckfabrikanten gut aufgestellt. Und der Kunde, der eine Einzelanfertigung wünscht, ist ebenso willkommen.

Der Erfolg des Chef-Duos liegt auch im Arbeitsklima begründet: familiär, verantwortungsvoll. Und sie können improvisieren, gerade im Hinblick auf saisonale Schwankungen. „Jeder unserer 26 Mitarbeiter ist gleichzeitig ‚Mädchen für alles‘ “, sagt Hinz. So kann es passieren, dass der Bernsteinschleifer im Sommer Gruppen führt, die Buchhalterin im Weihnachtsgeschäft Schmuck verpackt. „Wir sind eine Kuschelfirma“, lacht Radtke. Mitarbeiterfluktuation: null.

Power aus Früchten

Schon seit über 5.000 Jahren ist Trockenobst Bestandteil der menschlichen Ernährung, zum Beispiel als nahrhafter und haltbarer Reiseproviant für lange Schiffsreisen. Das Potential dieser vitaminreichen Früchte hat auch die Bio am Sund GmbH erkannt, die in Stralsund Trockenobst aus regionalem, ökologischem Anbau produziert und unter der Marke Martins vertreibt.
(Bild: Bio am Sund GmbH)

www.bio-am-sund.de
www.martins-bio.de

Neben Ketten, Armbändern und Krawattennadeln werden auch Lampen, Schiffsmodelle oder Pfeifen aus dem „Gold der Ostsee“ gefertigt. Bernstein, ein Naturprodukt aus fossilem Harz, ist für beide Männer etwas Besonderes. Radtke schwärmt: „Einschlüsse, Risse, Farben: Wenn man rohen Bernstein schleift, ist es immer wieder spannend, was zum Vorschein kommt.“

Stralsunder Brauer mit Ideen und Herz

Es war 1990, als Jürgen Nordmann die Segel setzte und den Anker an der vorpommerschen Küste auswarf. Der Wildeshausener folgte dem Ruf seiner Familie, die die Brauerei in Stralsund retten wollte und dafür jede helfende Hand brauchte. Das unternehmerische Risiko war groß, das persönliche Engagement noch größer. Und so führt Nordmann heute mit der Störtebeker Braumanufaktur einen mit zahlreichen Preisen dekorierten, innovativen Betrieb mit 120 Mitarbeitern. Der Namensgeber, Seefahrer und Pirat Klaus Störtebeker, ist im Hanseraum legendär. Die Störtebeker Brauspezialitäten sind es auch. Auf dem 7,5 Hektar großen Brauereigelände mit Schrotmühle, Sudhaus, Gärkeller und Abfüllanlagen wird die komplette Produktion abgewickelt. 17 verschiedene Biere, darunter sechs mit Bio-Siegel, gehören zum aktuellen Sortiment, ergänzt um saisonale Getränke wie dem Glüh-Bier im Winter. 180.000 Hektoliter Gerstensaft wurden, bevorzugt mit regionalen Rohstoffen, 2016 gebraut. Tendenz steigend.

Betriebswirtschaftler Nordmann ist ein Visionär, der im Kleinen groß denkt. Sein Erfolgsgeheimnis: „Wir konzentrieren uns auf den deutschen Markt, damit haben wir nur eine Sache im Blick. Und die machen wir sehr gut.“ Anders als in Konzernen will Nordmann den Überblick – personell und strategisch – behalten. Nur so sei es möglich, alle Details und Verbesserungspotenziale im Wertschöpfungsprozess zu berücksichtigen – und ein optimales Produkt zu kreieren. Auch Weitblick und Mut gehören zu den Stärken des Unternehmers. So schloss er bereits vor zehn Jahren einen Vertrag mit der Elbphilharmonie und betreibt nun exklusiv die Gastronomie in Hamburgs neuem Wahrzeichen. Im Mittelpunkt: die Braukunst aus Vorpommern, kombiniert mit nordischer Küche. Auch hier wacht der Geist des Freibeuters Störtebeker: Keine halbe Seemeile entfernt soll der Pirat 1401 sein Leben gelassen haben.

Die Wendejahre hat Nordmann als emotional und kräftezehrend empfunden. Doch längst ist der 56-Jährige in Vorpommern angekommen. Mit Frau und Kindern will er nirgendwo anders leben. Oder um es mit einer Liedzeile der Hip-Hop-Band „Fettes Brot“ zu sagen: „Schon Störtebeker wusste, dass der Norden rockt und hat mit seinem Kahn hier gleich angedockt.“

Omas Rezepte und Enkels Ideen

Der Kunststoff-Hummer auf dem Tisch vibriert und blinkt. Signal für den Gast: Das Essen ist fertig, frisch zubereitet und abholbereit an der Theke von „Fisch Domke“. Die Wände des Selbstbedienungsrestaurants sind geschmückt mit Fotos prominenter Gäste: Sportler und Torwartlegende Oliver Kahn, Spitzenkoch Johann Lafer, Moderatorin Andrea Kiewel. Selbst die vietnamesische Gesundheitsministerin kostete hier bereits leckeren Fisch.

Kochleidenschaft von der Oma, kaufmännisches Talent vom Vater: „Fischkönig“ André Domke. (Bild: Marieke Sobiech)

Auf der Insel Usedom hat André Domke mit dem richtigen Gespür einen großen Fang gemacht. Den „Fischkönig“ nennen ihn die Leute. Aus einer Familie von Strandkorbverleihern und Fischern stammend, hat der gelernte Koch 2010 seinen Traum wahr gemacht. Er eröffnete ein „Fischkaufhaus“ in Ahlbeck. Fisch und Feinkostprodukte zum Kaufen, Essen, Mitnehmen. Sein Credo: keine Fertigsoßen, keine Mikrowellen, nur beste Qualität zum moderaten Preis. Die Leidenschaft fürs Kochen hat Domke von seiner Großmutter, sie ließ ihn schon früh in die Töpfe gucken. Ihre traditionellen Fischrezepte stehen heute auf der Speisekarte – neben Kreationen wie Lachsdöner oder Pommerschen Tapas.

Von Rügen in alle Welt

Auf der Nordostseite der Insel Rügen liegt der Mukran Port. Mit einer Gesamtfläche von knapp 430 Hektar bietet er mit Fähr-, Eisenbahn-,  Multipurpose- und Offshore-Terminals sowie umfangreichen Produktions- und Lagerflächen alles, was einen modernen Multifunktionshafen ausmacht.
(Bild: Mukran Port)

www.mukran-port.de

Mit dem Konzept angelte er sich nicht nur die höchste Branchenauszeichnung, sondern auch rasanten Erfolg: Mittlerweile offerieren vier Domke-Restaurants auf Usedom Fischspezialitäten, ein fünftes ist geplant. Es gibt Stammgäste, die während des Urlaubs jeden Tag eines seiner Häuser besuchen. Jüngst bekam er inkognito ein Messegespräch mit: „Wenn du auf Usedom bist, musst du bei Domke essen.“ Das sind die Momente, in denen er weiß, vieles richtig zu machen. Dafür tut der 34-Jährige auch viel: Der Insulaner arbeitet bis zu 18 Stunden an jedem Tag der Woche. Sein Morgen beginnt mit dem persönlichen Qualitätscheck in den Läden. Zum Kochen kommt er selbst kaum noch. Stattdessen wartet dann das Büro: Buchhaltung, Bestellungen, Lieferantengespräche. Freizeit scheint Domke nicht zu kennen. Am traumhaft schönen Sandstrand seiner Heimatinsel war er das letzte Mal 2012 – anlässlich eines beruflichen Fernsehauftritts. Nur einen Privattermin lässt sich der vielbeschäftigte Gastronom nie nehmen: Jeden Sonntag macht er einen Spaziergang mit der 95-jährigen Oma Domke.