Vier für hier: Heimat verpflichtet

Leute

Das Schicksal Hunderter Guts- und Herrenhäuser ist bekannt: Durch die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Grundbesitzer, darunter viele adlige Familien, enteignet und vertrieben. Einige der Nachkommen kehrten nach 1990 zurück. Sie kauften die meist maroden Schlösser und Gutsherrenhäuser und erwarben das Land ihrer Väter und Großväter. Leidenschaftlich engagieren sie sich für ihre neue alte Heimat.

Text: Anette Pröber

Im Naturpark Mecklenburgische Schweiz, unweit der Peene, befindet sich in ländlicher Idylle das historisch renovierte Gut Pinnow. Wer Natur mit Freunden oder Kindern entdecken will, findet hier ein Ferienhausquartier nach seinem Geschmack. Die Häuser, die jeweils mehrere Schlafgemächer beherbergen, sind gut nachgefragt, meint Cornelia von Maltzahn. Die Rechtsanwältin, die einst in Hamburg und Neubrandenburg arbeitete, hat sich voll auf das Landleben eingelassen. Sie hat sich noch einmal auf die Schulbank gesetzt und Landwirtschaft studiert, um den Familienhof leiten zu können. Zu diesem gehören 2.500 Hektar landwirtschaftlicher Fläche, fünf Silos und Lager für ca.  12.500 Tonnen. Ihre besondere Aufmerksamkeit widmet sie derzeit einer größeren Fruchtfolge auf den Feldern. Das helfe der Natur, bringe mehr Vielfalt an allerlei Tieren. Fröhliches Froschgequake ist für sie der Sound des Landlebens schlechthin.

Mit 23 Jahren zog die Tochter einer Unternehmerfamilie aus Uruguay ins Mecklenburgische Dalwitz bei Rostock. Ihrem Mann zuliebe, der beseelt war von dem Traum, Gut Dalwitz zu neuem Leben zu erwecken. Er kannte den Landstrich nur aus den Erzählungen seines Großvaters. Der erste Eindruck 1992 war ernüchternd. Doch mutig zogen die Frischverheirateten ins verfallene Gutshaus, renovierten Haupthaus und Hofgebäude, bauten Ferienwohnungen und gründeten einen Öko-Betrieb. Sie schufen einen neuen Lebensmittelpunkt für sich und den Ort. Mit Rindern, Pferden, Grillpartys und südamerikanischem Flair, der Feriengäste begeistert. „Wir leben Verantwortung“, sagt Lucy von Bassewitz. Landschaften werden gepflegt, Bäume gepflanzt, Baudenkmäler renoviert. Der neu gebaute Tennisplatz auf dem Gut soll auch den Schulkindern zugutekommen. In diesem Jahr wird der Jüngste von Bassewitz eingeschult. „Ich bin ein Bauernjunge“, sagt er stolz. 

Ihre Mutter, eine Geborene von Barner, hatte immer vom ländlichen Leben in ihrer Heimat geschwärmt, erzählt Dorothea von Trotha. Als sich Anfang der 1980er Jahre Gleichaltrige nach Ibiza und Sylt aufmachten, war sie mit ihrem Polo unterwegs, um den Osten bis zur russischen Grenze zu entdecken. Vor 16 Jahren entschloss sich die Hamburger Diplom-Pädagogin mit ihrem Mann nach Klein Trebbow bei Schwerin zu ziehen und das Familienerbe mit Land- und Forstwirtschaftsbetrieb zurückzukaufen. Den Schritt hat sie nie bereut, sagt sie. „Wer sich engagiert und einbringt, findet den Zugang zu den Menschen.“ Dorothea von Trotha gründete den Förderverein Dorfkirche Groß Trebbow und engagiert sich für den Erhalt der Kirche, die eine Friese-Orgel besitzt. Monatliche Konzerte und Lesungen werden organisiert, um Spenden zu generieren und das kulturelle Leben zu fördern. Zwei-, dreimal im Jahr finden die Veranstaltungen auf Hof Trebbow statt. „Unser Wohnhaus war vom ersten Tag an ein offenes Haus.“

Eine Japanische Kaisereiche schmückt seit diesem Frühjahr den Park von Schloss Gamehl. Sie wurde gepflanzt, weil vor genau 800 Jahren Familie von Stralendorff erstmals urkundlich erwähnt worden war. Der prachtvolle Schlosspark mit seiner weißen Brücke war für die Familie lange Zeit ein Sehnsuchtsort. Erinnerung auf einer winzigen Fotografie von den Großeltern. Diese hatten bei ihrer Vertreibung nur Koch- und Essgeschirr für zwei Personen mitnehmen dürfen. Hier wuchs Vater Claus- Joachim auf, der nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1954 Gamehl nicht mehr wiedersah und früh verstarb. Für Dagmar von Stralendorff ist das Schloss lebendige Familiengeschichte. Es wurde mit viel Liebe zum Detail renoviert und 2008 als Hotel eröffnet. Hochzeiten und Tagungen findeneinen stilvollen Rahmen. Die Gamehler Gespräche bringen regelmäßig Gäste aus Politik, Kultur und Gesellschaft in den abgelegenen Winkel.