Land
Hans Dieter Knapp - Bild TMV Tiemann

„Wir sind auf intakte Natur angewiesen“

Interview mit dem Rügener Naturschützer Prof. Dr. Hans Dieter Knapp

Der Biologe Prof. Dr. Hans Dieter Knapp ist einer der Gründerväter der Nationalparks im Nordosten Deutschlands. Kurz vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wurden sie unter Schutz gestellt. Zum 30-jährigen Jubiläum haben wir ihn auf Rügen getroffen – und gefragt, wie damals alles anfing und was es heute noch zu tun gibt.

Gastbeitrag: MVnow / Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V.

Nationalpark Jasmund

Mit einer Fläche von 3.100 Hektar ist der Nationalpark Jasmund – gelegen auf der gleichnamigen Halbinsel im Nordosten Rügens – der kleinste Deutschlands. Zu der geschützten Fläche gehören die berühmten weißen Kreidefelsen an der Ostsee. Hier kann man auf den Spuren des Malers Caspar David Friedrich wandeln: Von Sassnitz führt der Hochuferweg oberhalb der Felsenküste bis zum imposanten Königsstuhl. Die alten, beeindruckenden Buchenwälder im Herzen des Nationalparks zählen seit 2011 zum UNESCO-Weltnaturerbe.

Nationalpark Jasmund

Wilder Wald am Meer

Herr Professor Knapp, was macht die Landschaft auf Rügen so besonders, dass es mit dem Nationalpark und dem Biosphärenreservat gleich zwei große Schutzgebiete gibt?

Die Vielfalt der Landschaftsformen auf engem Raum: Jasmund ist zwar Deutschlands kleinster Nationalpark, mit seiner einzigartigen Landschaft, dem Dreiklang von Kreideküste, Wäldern und Wasser, aber ein herausragender. Die Küstenwälder sind nie wirklich zur Holzgewinnung genutzt worden – sie sind zu steil, zu gefährlich. Und der alte Buchenwald zählt heute zum UNESCO-Weltnaturerbe. Das Biosphärenreservat Südost-Rügen wiederum ist eine alte Kulturlandschaft, im Wechselspiel von offenem Meer, von Land und Bodden – sie wird von Wind und Wellen und vom Menschen geformt.

Sie haben sich schon zu DDR-Zeiten für die Einrichtung von Naturschutzgebieten eingesetzt – 1990 war dann plötzlich möglich, was jahrzehntelang nicht geklappt hatte. Warum?

Es gab 1989 eine unglaubliche Aufbruchsituation, wir haben einfach die Gunst der Stunde genutzt – vielen Menschen lag der Umweltschutz sehr am Herzen. Als Bürgerinitiative hatten wir im Dezember 1989 ein Konzept für den Müritz-Nationalpark geschrieben und darin auch weitere Landschaften aufgezählt, die Nationalpark werden könnten. Im Januar 1990 rief mich der stellvertretende Umweltminister Michael Succow nach Berlin – und von einem Tag auf den anderen saß ich im Ministerium, um ein Nationalparkprogramm zu entwerfen.

Kreidefelsen

Hingucker: die Kreidefelsen im Nationalpark Jasmund (Bild: Andreas Nehring)

Jasmund

Einzigartige Landschaft: der Nationalpark Jasmund (Bild: M. Weigelt)

Granitz

Die absolute Krönung. Das Jagdschloss Granitz thront auf dem 106 Meter hohen Tempelberg.
(Bild: Staatl. SGK MV/ Funkhaus Creative)

UNESCO-Biosphärenreservat Südost-Rügen

Das Biosphärenreservat Südost-Rügen ist rund 23.000 Hektar groß und spiegelt auf kleinstem Raum alle Landschafts- und Küstenformen des dortigen Küstenraumes wider. Es umfasst sowohl den Südosten der Insel als auch Meeresteile, Boddengewässer und die Insel Vilm. Auf Wander- und Radrouten lässt sich die Landschaft entdecken. Mehr über die Natur der Region erfährt man im Nationalpark-Zentrum Königsstuhl, bei Ranger-Touren durch das Biosphärenreservat und im Infozentrum beim Jagdschloss Granitz.

Biosphärenreservat Südost-Rügen

Film Biosphärenreservat

Muss der Mensch die Natur vor dem Menschen schützen?

Wir sind auf intakte Natur angewiesen und müssen sie deshalb vor schädigenden Eingriffen durch den Menschen schützen – das schließt eine Holzwirtschaft und Bodennutzung in Nationalparken aus. Nicht aber den Menschen, der die Natur erleben möchte. Ziel ist, dass sich die Natur möglichst ungestört entfalten kann.

Inwieweit kann der Mensch der Natur beim Natursein helfen?

Indem er ihr Raum gibt – Schutzgebiete – und ihr Zeit lässt, sich ohne Lenken und Pflegen zu entfalten. Land- und Forstwirtschaft müssen berücksichtigen, dass sie mit lebendigen Systemen produzieren. Landschaften sind keine Fabriken.

Wie geht es weiter mit dem Nationalpark und dem Biosphärenreservat?

Natur hat Zeit – und nimmt sie sich. Die Wunden früherer Holzwirtschaft im Nationalpark werden mit der Zeit verheilen. Der hohe Wildbestand muss reguliert werden. Weiteres Personal zur Besucherbetreuung ist dringend notwendig. Das Biosphärenreservat könnte man gut vergrößern. Ich fände es sinnvoll, ja notwendig, ganz Rügen als Biosphärenreservat zu entwickeln.

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