Leben
Moinian, Angela Künzel, Johannes Dworatzek - Bild Andreas Frost

MV hält zusammen

Als im März die Pandemie begann, unser aller Leben zu verändern, setzten sich viele Frauen und Männer ganz besonders für ihre Mitmenschen ein. Stellvertretend für alle „Heldinnen und Helden“ des Corona-Alltags stellen wir einige vor.

Text von Andreas Frost

Trotz Abstand näher dran

Horngruppe vor Altenheim

Klassische Töne statt Stille des Alltags: Christoph Moinian (zweiter von links) spielt mit der Horngruppe der Mecklenburgischen Staatskapelle vor einem Altenheim. (Bild: Ann May)

Angela Künzel (Violine), Christoph Moinian (Horn) und Johannes Dworatzek (Cello) sind drei der vielen Musikerinnen und Musiker der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin, die seit Beginn der Corona-Beschränkungen besondere Freiluftkonzerte gegeben haben. Sie spielten in wechselnden, kleinen Besetzungen ehrenamtlich vor den Balkonen oder in den Innenhöfen von Alten- und Pflegeheimen, deren Bewohnerinnen und Bewohner besonders strikte Kontaktverbote hinnehmen mussten. Mit Opernchören und Ouvertüren holten sie viele Seniorinnen und Senioren für eine Weile aus ihrem stillen Alltag. „Am besten kamen Volkslieder an, wie das ‚Ännchen von Tharau‘, ‚Auf in den Kampf‘ aus der Oper ‚Carmen‘ oder der Jägerchor aus dem ‚Freischütz‘“, berichtet Angela Künzel.

„Gänsehaut pur“

Ein Heimleiter, so erinnern sich die Musikerinnen und Musiker, bedankte sich besonders herzlich. Er schrieb, seine Bewohnerinnen und Bewohner seien sehr ergriffen gewesen, hätten „Gänsehaut pur“ verspürt. „Wir waren trotz des Abstands näher dran an den Zuhörerinnen und Zuhörern, als wir das im Konzertsaal sein können“, so die Erste Violinistin der Staatskapelle. Solo-Cellist Dworatzek beobachtete, auch die Pflegerinnen und Pfleger, die in Corona-Zeiten besonders unter Druck standen, konnten sich für einen Augenblick fallen lassen. Mehr als 40 dieser Konzerte haben Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle gespielt, an denen sich auch die Tänzerinnen und Tänzer des Theaters und Mitglieder des Chores beteiligten. Sie mussten Notensätze für ungewohnte Besetzungen umschreiben, sich an die Akustik unter freiem Himmel und an die Distanz untereinander während des Musizierens gewöhnen.

Wenn Musik auf Stille trifft

„Nicht alles war perfekt“, so Angela Künzel, „aber wir sind dem Kern des Musizierens wieder nähergekommen, mehr zur Freude, zum Ursprung.“ Solo-Hornist Christoph Moinian empfand das Ambiente mit den vielen „maskierten“ Zuhörerinnen und Zuhörern „anfangs sehr surreal“. Aber im Grunde seien die Heimbewohnerinnen und Heimbewohner in der coronabedingten Stille auf sich konzentriert gewesen. „Wenn Musik auf Stille trifft, ist die Seelensprache der Musik wieder hörbar.“ Johannes Dworatzek indes denkt darüber nach, wie die Corona-Konzerte fortgeführt werden könnten – auch wenn die Pandemie vorüber ist.

Anpacken als Dank an Stralsund

Reem Ammori und Taher Sayadi

Reem Ammori und Taher Sayadi (Bild: Andreas Frost)

Reem Ammori und Taher Sayadi haben die Corona-Krise genutzt, um sich auf ihre Art bei den Menschen in der Hansestadt Stralsund für die erfahrene Unterstützung zu bedanken. Beide sind aus Syrien auf unterschiedlichen Wegen als Flüchtlinge in die Hansestadt gekommen. Als das öffentliche Leben in Deutschland wegen der Pandemie eingeschränkt wurde, wollten sie ihre Hilfe anbieten. „Wenn es bei uns in Syrien Krisen gab, haben sich die Leute auch untereinander geholfen“, berichtet Reem Ammori. Nun ergab sich für die Studentin und den Agraringenieur eine Möglichkeit, „den Stralsundern etwas zurückzugeben“.

Genügend qualifizierte Fachkräfte

Die beiden behielten die Idee nicht für sich. Sie warben dafür unter den Migrantinnen und Migranten in Stralsund. Einer Zusage folgte die nächste. Inzwischen umfasst die Gruppe rund 80 Mitglieder. Eigentlich wollten sie zum Beispiel alleinlebenden Rentnerinnen und Rentnern oder Kranken helfen, für sie einkaufen oder Besorgungen machen. Die Nachfrage jedoch war gering. Viele Stralsunderinnen und Stralsunder scheuten in Corona-Zeiten ungewohnte Kontakte oder ließen sich von Nachbarn helfen. Reem Ammori und Taher Sayadi ließen sich nicht entmutigen. Über die Nachbarschaftshilfe des Kreisdiakonieverbandes in Stralsund-Grünhufe und die Stadtverwaltung organisierten sie Projekte, bei denen sie ehrenamtlich anpacken konnten. „Genügend qualifizierte Fachkräfte finden sich unter uns allemal“, sagt Taher Sayadi.

Neue Farbe für alten Traktor

Eine Gruppe half aus mit Malerarbeiten an der denkmalgeschützten Mahnkeschen Mühle im Stralsunder Tierpark. Andere brachten nebenan das als Museum eingerichtete Ackerbürgerhaus auf Vordermann. Und es waren Flüchtlinge aus Syrien und Palästina, die einen musealen Traktor entrosteten und ihm den neuen roten Anstrich verpassten. Auch wenn sich das öffentliche Leben langsam normalisiert, die Gruppe um Reem Ammori und Taher Sayadi hat weitere Projekte im Blick. Als Nächstes werden sie helfen, für eine Stralsunder Kirche einen neuen Garten anzulegen.

Kleines Molekül, große Wirkung

Jörg Winter und Ansgar Schmidt-Bleker

Dr. Jörg Winter und Dr. Ansgar Schmidt-Bleker (Bild: Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V.)

Jörg Winter

Dr. Jörg Winter (Bild:  Andreas Frost)

Seit 2016 hat der Physiker Dr. Jörg Winter zusammen mit seinem Kollegen Dr. Ansgar Schmidt-Bleker am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e.V. in Greifswald mit Erfolg an einem neuartigen Desinfektionsmittel geforscht. Mit Beginn der Corona-Krise fragten sie sich, ob sie einen Beitrag zu deren Bewältigung leisten können. Sie entwickelten eine Desinfektionsanlage, an der sich 18 Personen gleichzeitig die Hände desinfizieren können. Eine Schutzmaßnahme, deren Bedeutung auch nach der Krise akut bleibt.

Ein kurzlebiger Wirkstoff

Die Anlage ist robust und ist leicht zu bedienen. Sie braucht wenig Wartung und eignet sich vor allem für Orte mit viel Publikumsverkehr wie Flughäfen, Schulen oder Krankenhäuser. „Wir haben auch Kontakt mit den Veranstaltern eines Open-Air-Festivals“, berichtet Dr. Winter. Der Prototyp der Anlage wurde im Mai in einem Greifswalder Einkaufszentrum getestet. Richtig zur Geltung kommt die Effizienz der Anlage mit dem von den beiden Forschern entwickelten Desinfektionsmittel. „Über die Plasmaforschung haben wir einen hochwirksamen, kurzlebigen Wirkstoff entdeckt“, erläutert Dr. Winter „Dabei geht es um ein kleines Molekül, das Mikroorganismen wie widerstandsfähige Viren, Bakterien und hartnäckige Bakteriensporen durch oxidativen Stress zuverlässig inaktiviert.“ Bakteriensporen sind vor allem für Krankenhäuser eine große Herausforderung.

Kostengünstig und umweltfreundlich

Der Wirkstoff sei kostengünstig zu produzieren und umweltfreundlicher als die üblichen auf Alkohol basierenden Mittel, da er schnell in seine natürlichen Bestandteile zerfalle. Eine Million Paar Hände könne die neue Anlage desinfizieren, wenn ihr Tank mit dem Wirkstoffkonzentrat sowie Wasser zum Verdünnen befüllt wird. Der Prototyp der Desinfektionsanlage wurde noch mit herkömmlichen Mitteln befüllt. Bis das neue Präparat zugelassen wird, braucht es noch etwas Zeit. Gleichwohl haben Winter und Schmidt-Bleker ihre eigene Firma Nebula-Biocides gegründet. Mit dem Einsatz von „Sporosan“ wollen sie zunächst Desinfektionslösungen für Medizinprodukte anbieten.

Der Kita-Alltag ist jetzt anders

Antje Schultz

Antje Schultz (Bild: Andreas Frost)

Inzwischen kann Antje Schultz wieder lachen. Die Kinder sind zurück in der Kita „Spatzennest“ in Rostock. 325 Mädchen und Jungen werden dort betreut. Während der Corona-Krise durfte die Leiterin nur wenige Mädchen und Jungen zur Notfallbetreuung aufnehmen. Manche jener Lütten, denen das verwehrt war, trieben Antje Schultz die Tränen in die Augen. „Eine Fünfjährige rief an und wollte wissen, wann sie wieder in ihre Kita darf“, erzählt Antje Schultz, „und ich musste ihr erklären, warum das nicht ging.“ Auch Eltern meldeten sich, ohne dass die „Spatzennest“-Chefin ihnen helfen konnte: „Mütter im Homeoffice mit zwei kleinen Kindern – natürlich waren viele überfordert.“

Spieltipps für die Familien

Unterdessen musste Antje Schultz den ungewohnten Kita-Alltag meistern, wobei sie auf die Unterstützung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bauen konnte. „Wir haben versucht, Kindern und Eltern durch diese Krisenzeit zu helfen.“ Einige brachten den Kindern Osterkörbchen nach Hause, andere versorgten die Familien mit Spieltipps. In der Kita wurden Projekte für die Zeit nach der Krise vorbereitet. Das Team war doch recht angespannt, da niemand wusste, wie die Kinder auf die lange Kita-Pause reagieren. Am 25. Mai sind die Kinder glücklich in die Kita zurückgekehrt, so Antje Schultz, der Alltag aber nicht. Die Eltern bescheinigen täglich, dass ihre Kinder gesund sind. Das Bringen und Holen der Kinder dauert länger, weil nur wenige Eltern gleichzeitig in die Garderobe dürfen. Lange Bänder mit bunten Wimpeln unterteilen das Außengelände, weil die Kita-Gruppen unter sich bleiben sollen.

Mit Herzblut Lösungen finden

Und eine Sorge kann Antje Schultz ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht abnehmen. Das Abstandsgebot ist schwer einzuhalten. „Kinder werden gedrückt und geknuddelt. Da kann man nicht sagen: Halt! Stopp!“ Wie sie den Zwiespalt zwischen dem möglichen Ansteckungsrisiko und dem Bedürfnis der Lütten nach Nähe überbrücken, ist den Erzieherinnen und Erziehern freigestellt. „Wer mit Herzblut dabei ist, wird eine Lösung finden.“

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