Leben
Andreas Duerst, STUDIO 301

Ein Land für die Kunst

Text von Dörte Rahming

Kunst braucht Raum, auch im ursprünglichen Sinn. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es viel Platz, dazu eine gute Atmosphäre – und nicht nur, weil die Luft hier im Norden so klar ist. Künstlerinnen und Künstler finden Möglichkeiten, sich niederzulassen; Inspiration in der weiten Landschaft – und Gleichgesinnte.

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Gefühle in Bildern

Was zählt, sind Schönheit, Faszination, Einzigartigkeit. Wo genau das Haus steht, der Mensch sitzt oder die Blume blüht, spielt keine Rolle. Charleen Dahms hat schon als Kind gern fotografiert und studiert nun seit 2014 an der Universität Greifswald Bildende Kunst und Geographie. „Zuerst hatte ich noch nicht durchdrungen, was wirklich gefragt ist“, erzählt die gebürtige Berlinerin. Für eine zweite Bewerbungsmappe versuchte sie, künstlerisch zu denken, eigene Projekte zu entwickeln – mit Erfolg. „Das Credo hier ist, sich mit Themen zu bewerben, die einen wirklich interessieren. Bei mir waren das persönliche Dinge: meine eigene Familiengeschichte oder Tagebücher, die ich mit Fotos unterlegt habe.“

Hat schon als Kind gern fotografiert und zeigt vollen Einsatz: Charleen Dahms. (Bild: Andreas Duerst, STUDIO 301)

Besonders interessant findet die Studentin der Uni Greifswald den Moment, wenn das Papier in den Entwickler eintaucht. (Bild: Andreas Duerst, STUDIO 301)

Charleen Dahms fotografiert am liebsten Menschen. (Bild: Andreas Duerst, STUDIO 301)

Bis heute findet sie ihre Motive im Alltag – „Dinge, die mich anziehen, die faszinieren, die eine Ästhetik in sich tragen. Das kann eine unbewohnte Wohnung sein oder ein Garten, nostalgisch anmutende Vorhänge oder Tapeten mit einer interessanten Struktur. Und ich habe eine Vorliebe für aus der Zeit gefallene Schönheit, etwa DDR-Interieur“, sagt die 26-Jährige und lacht. „Außerdem fotografiere ich gern Personen, die mir nahe sind.“
Scheu sei sie, sagt Charleen, sie spreche keine Fremden an, die sie sich als Modell vorstellen könnte. „Ich sehe die Motive, aber ich traue mich noch nicht heran. Aber das möchte ich gern lernen.“ 

Ihr künstlerischer Anspruch: „Ich fotografiere überlegt und auf ein bestimmtes Detail gerichtet, drücke meine subjektive Welt aus, und im besten Fall löse ich auch beim Betrachter eine Emotion aus.“ Dass es funktioniert, zeigen die Reaktionen derer, die ihre Bilder sehen: „Sie fühlen sich den Menschen auf meinen Bildern nah, glauben sogar die Stimmung, den Geruch des Ortes spüren zu können.“ Ihre Bilder sind harmonisch, lösen aber dennoch manchmal Irritation aus – eben weil sie nicht zeigen, welcher Ort, welcher Mensch zu sehen ist.

Im Studium hat Charleen Dahms aber auch die technischen Grundlagen für ihre Kunst gelegt. Oft arbeitet sie in der Dunkelkammer. „Ich mag diese analoge Arbeitsweise, die nicht jedem zugänglich ist. So werden die Bilder unverwechselbar.“ 
Das Studium in Greifswald bereite sie gut auf die professionelle Arbeit vor. „Wir tauschen uns mit Leuten aus, die ähnliche Fragen, Zweifel oder Probleme haben.“ Die Uni in einer eher kleinen Stadt ganz im Nordosten Deutschlands hat sie bewusst gewählt: „Ich wollte am Meer studieren, entspannt und dem Land nah – statt in einer großen Stadt, wo man lange Wege hat und vielleicht etwas untergeht.“ Andere Unis mit künstlerischen Studienrichtungen hätten zwar größere Namen, aber: „Es gibt hier weniger Arroganz und Konkurrenz. Und man bekommt in MV unkompliziert Chancen, sich auszuprobieren, zum Beispiel durch Stipendien oder Ausstellungen.“ Und nicht zuletzt bietet ihr die Natur des Landes immer neue Inspirationen: Wasser ist ein wiederkehrendes Thema, dazu das weite, flache Land und die familiäre Atmosphäre. „Ich habe in künstlerischen Kreisen jetzt schon ein großes Netzwerk und kann mir kaum vorstellen, dass ich das in Berlin so schnell aufgebaut hätte.“ 

Ein Schlüssel zu mehr Miteinander

Eine Woche – mehr Zeit verging nicht zwischen Idee und Veranstaltung. Dann saßen die ersten Frauen und Kinder aus der Ukraine auf dem Hof des Vereins „La Grange“ in Bergen auf Rügen. Hier konnten sie für ein paar Stunden ihre Sorgen hinter sich lassen. „Das war die Idee bei diesem Tag der offenen Tür“, erzählt Sebastian Will. Musik gab es, gutes Essen aus der Region, eine Hüpfburg und sogar ukrainische Kinderfilme. „Alle waren zuerst etwas scheu, aber gerade die Kinder sind sehr schnell warm geworden. Ich habe kein trauriges Gesicht gesehen – das war für mich das Wichtigste.“ Die Kinder spielten, die Erwachsenen saßen zusammen, und am Ende wurde sogar getanzt. 

In der ehemaligen Fabrikhalle am Rande der Stadt gibt es viel Platz, Teppiche auf dem Betonboden, viele Monitore – Club-Atmosphäre eben. Hier gründete Will gemeinsam mit zwei Freunden 2013 den Verein „La Grange e.V.“ – benannt nach speziellen Punkten im System zweier Himmelskörper. „Wir wollen hier einen positiven Hintergrund generieren für alle, die hierherkommen“, sagt der 42-Jährige, der hier in Bergen geboren ist. Der gelernte Metalltechniker hatte schon früh gemerkt, dass er gern kreativ arbeiten würde. Doch erst in seiner Zeit bei der Bundeswehr lernte er Menschen kennen, durch die er neue Einblicke und Ideen in dieser Richtung gewann. Und vor 16 Jahren wagte er den Schritt, selbstständiger Künstler zu werden. Seitdem arbeitet er auf dem früheren Industriegelände, wo früher Betonplatten produziert oder Autos verkauft wurden. 

Gründete gemeinsam mit zwei Freunden den Verein „La Grange“ auf der Insel Rügen: Sebastian Will. (Bild Andreas Duerst, STUDIO 301)

Der gelernte Metalltechniker wollte schon früh kreativ arbeiten und ist seit 16 Jahr als Künstler selbständig. (Bild Andreas Duerst, STUDIO 301)

Sebastian Will und seine Mitstreiter arbeiten alle ehrenamtlich für den Verein „La Grange". (Bild Andreas Duerst, STUDIO 301)

Nun also Gemeinsamkeit – und Musik. „Das auditive Wahrnehmen ist der Schlüssel“, meint Will. „Und dabei meine ich nicht nur Party, sondern auch Kommunikation.“ In der Halle und davor gibt es genug Platz und Sitzgelegenheiten, um miteinander ins Gespräch zu kommen. „Wir haben keine spezielle Zielgruppe. Zu manchen Konzerten kommen Gäste sogar aus Flensburg, Hamburg oder Berlin hierher.“ Wichtig: Oft gibt es rund um die Konzerte auch Angebote wie Workshops.

Will und seine Mitstreiter sind alle ehrenamtlich dabei. Nächstes Projekt: Die Nachbarhalle, 550 Quadratmeter groß, soll mitgenutzt werden. Als Erstes aber muss sie ausgeräumt und umgebaut werden. „Wir wollen regelmäßig öffnen, denn es gibt viel mehr Anfragen, als wir momentan bedienen können. Aber wir können im Winter nicht gut heizen – dafür brauchen wir neue Lösungen.“ Die 18 Mitglieder von „La Grange“ kennen sich alle recht gut, meint Will, manche von ihnen kamen schon als Jugendliche das erste Mal in diese Hallen. „Aber im Umkreis gibt es noch mehr Menschen. Sie unterstützen uns mit ihren Kompetenzen, zum Beispiel als Handwerker oder Bauingenieur, ohne dass sie dafür bezahlt werden.“

Die Ukrainerinnen und Ukrainer jedenfalls haben die Veranstaltung sehr genossen. Bald soll es weitere „Tage der offenen Tür“ geben – mit Live-Musik. „Die sollen dann interkulturell werden, also für alle Kinder und Jugendlichen“, sagt Will. „Wir haben ja zum Beispiel Menschen aus Syrien und Afghanistan hier. Kommunikation über Musik ist das Ziel, denn Musik ist die universelle Sprache.“ Aber auch Street Art oder eine Nähwerkstatt sind denkbar.

Für diese und andere Vorhaben reisen gern Künstlerinnen und Künstler „von außerhalb“ an. Ist Rügen also ein gutes Pflaster für die Kunst? „Es gibt hier auf der Insel – bezogen auf die Einwohnerzahl – mehr Künstler als in Berlin“, sagt Will mit einem Lächeln. „Es ist noch ein ruhiger Ort. Solche Stille gibt es in großen Städten gar nicht mehr, da kennen manche nicht mal den Blick in den Sternenhimmel.“ Er selbst sah nie einen Grund wegzugehen und ist überzeugt, dass es weiter einen „kulturellen Zuzug“ geben wird. „Wir haben hier Wasser und gute Luft – und noch genug Platz, wo vielleicht ein Atelier entstehen kann.“

Von dem Maler, der ein Maler wurde

Als der Schweriner Hanning Bruhn in den 1950er-Jahren in den Beruf startete, war er Maler. Nun, am Ende seines Arbeitslebens, ist er immer noch Maler – allerdings auf völlig andere Art.

Der Schweriner Künstler Henning Bruhn schätzt an Mecklenburg-Vorpommern, die vielen Möglichkeiten, sich als Künstler niederzulassen. (Bild: Andreas Duerst, STUDIO 301)

Bruhn, Jahrgang 1943, ist gelernter Anstreicher. Zunächst arbeitete er beim Wohnungsbaukombinat (WBK) Schwerin, folgte aber bald seinem künstlerischen Interesse. Er bewarb sich an der Hochschule für Bildende Kunst, die es damals in Heiligendamm, direkt an der Ostsee, gab. „Dekorative Malerei“ hieß der Studiengang, so wurde Bruhn ganz offiziell zum Ingenieur für Farb- und Oberflächengestaltung. Zurück im WBK Schwerin kümmerte er sich nun um die Gestaltung von Fassaden. „Aber die Plattenbauten ließen nicht viel Spielraum für meine Fantasie“, erzählt er. Also begann er zu malen, am liebsten nach der Natur. Konsequenterweise kündigte Bruhn etwa Mitte der 1970er-Jahre seine feste Anstellung und arbeitete freiberuflich – auch für das Wohnungsbaukombinat. „Wir Künstler wurden ganz gut unterstützt, zum Beispiel bei der Suche nach einem Atelier“, meint er heute. „Auch Museen kauften Werke an, und so hatte man ein Auskommen.“ 

Henning Bruhn malt nicht nur, sondern gestaltet auch Objekte und fertigt Skulpturen. (Bild: Andreas Duerst, STUDIO 301)

Bruhn mit einem seiner Kunstwerke, einem Fahrrad voll mit Muscheln. (Bild: Andreas Duerst, STUDIO 301)

Der Künstler mit seinem allerersten Kunstwerk.  (Bild: Andreas Duerst, STUDIO 301)

Nach der Wende leitete er unter anderem die Galerie eines Kunstvereins, unterrichtete an einer Schweriner Kunstschule, gestaltete Ausstellungen mit eigenen Werken und denen anderer Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern. Malte in Öl, zeichnete, hielt den vergehenden „DDR-Charme“ fest. „Ich habe zum Beispiel Dinge aufgesammelt, die am Straßenrand lagen, die niemand mehr haben wollte, und machte Objekte daraus.“ Eines davon steht im Fenster seiner Galerie: eine hölzerne Buchpresse mit einer Figur darin. Der Titel: „Ständig unter Druck“. 

Die Galerie selbst befindet sich in Bruhns Elternhaus, es ist wie eine Zeitkapsel: Fußböden, Tapeten, Kachelöfen, sogar Fußabtreter haben hier drinnen die Zeit überdauert. Etliche Räume nutzt der Künstler, um seine Bilder und Installationen auszustellen – auch sein allererstes Gemälde ist zu sehen: zwei reetgedeckte Häuser in grüner Landschaft, festgehalten in kräftigen Farben. „Das ist meine Heimat“, schwärmt der 78-Jährige.

Inzwischen arbeitet Hanning Bruhn kaum noch, blickt aber auf sein Schaffen zurück. „Ich bin überrascht, dass sich meine künstlerische Ader immer weiter entwickelt hat. Ich habe versucht, mein Umfeld festzuhalten und das hineinzulegen, was mich bewegt.“ Das Land biete viel Raum, um sich als Künstler niederzulassen. „Man kennt sich untereinander und braucht nicht so viel Ellenbogen, um sich durchzusetzen.“

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