Erfinder, Gründer und Rebellen

Land

Viel schneller als jeder Rettungsschwimmer bringt Badenden eine Drohne Hilfe aus der Luft. (Bild: DRK, Christine Mevius)

Wasserretter von der Küste und Geowissenschaftler aus Neubrandenburg entwickeln einen Rettungskopter für den Einsatz am Badestrand. Eine Dialyseschwester macht sich in Rostock mit selbst entworfener funktionaler Patientenkleidung selbstständig. Ein Start-up am Strelasund tüftelt an einer „Schwester Alexa“ für das Krankenhaus der Zukunft. In Greifswald erfinden Wissenschaftler ein Plasmapflaster, das aus „Star Wars“ stammen könnte. Mecklenburg-Vorpommern – ein Land zum erfolgreichen Gründen.

Text von Ralph Schipke

Die erste Idee kam einem Greifswalder Notarzt im Urlaub im fernen Dubai. Am Persischen Golf kreisten über ihm plötzlich Drohnen, die Rettungsringe abwarfen. Der Notfallmediziner fragte nach der Heimkehr bei der Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an, ob unbemannte Hilfe aus der Luft nicht auch Menschen am Ostseestrand schneller und sicherer vor dem Ertrinken retten könnte?

Der entscheidende Vorteil von Drohnen gegenüber jedem Rettungsschwimmer liegt in der Geschwindigkeit. Im Idealfall ist das Fluggerät nach Sekunden aufgestiegen und draußen über dem Wasser, während Retter im Boot um jede Minute ringen, um möglichst schnell am Einsatzort zu sein. Außerdem kann die Rettungsdrohne zugleich ein „fliegendes Auge“ für die Einsatzleitung sein.

Martin Kiskemper kennt sich mit unbemannten Fluggeräten aus. Der Techniker der Hochschule Neubrandenburg tüftelte mit den DRK-Wasserrettern an der Rettungsdrohne. (Bild: Ralph Schipke)

DRK-Wasserrettung kommt auch aus der Luft

Der ehrenamtliche Landeschef der DRK-Wasserwacht, Thomas Pohlers, fand: starke Idee. Und suchte umgehend gemeinsam mit dem Greifswalder Rettungssanitäter Thomas Wodrig einen Partner für die Entwicklung eines DRK-Rettungscopters zur Unterstützung der Wasserwacht an Mecklenburg-Vorpommerns Stränden und Badestellen. Mit Martin Kiskemper fand sich der Richtige im Fachbereich Geomatik an der Hochschule Neubrandenburg. Dort wird Drohnentechnik bereits zur Vermessung eingesetzt. Kiskemper ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Fachrichtungen Geoinformatik, Geodäsie und Messtechnik und außerdem wie Thomas Wodrig vom DRK-Rettungsdienst ein Hobby- Flugmodellbauer. Das passte perfekt.

Das DRK wollte zügig alle Kreisverbände mit fliegenden Rettungscoptern ausrüsten. Also wurden 14 Drohnen für die Küste gekauft. Vier weitere sind mittlerweile an Binnenseen stationiert. Martin Kiskemper hat die unbemannten Fluggeräte so umgerüstet, dass die DRK-Quadrocopter über einem Badenden in Not eine Schwimmhilfe abwerfen können. Immer neue Ideen entstanden in den Gesprächen mit den Wasserrettern und dem Techniker. „Man müsste noch …“, hieß es oft. Etwa einer verunglückten Person weit draußen im Wasser vom Rettungsturm deutliche Ansagen machen können.

Den Menschen in Not kann mit der aktuellsten Version des DRK-Rettungsfliegers über ein angebautes Megafon Mut zugesprochen werden. Der Einsatzleiter kann aus der Ferne erklären, was genau wann bei der Rettungsaktion passiert. Und verbal das Opfer dirigieren, damit es schnell die abgeworfene Schwimmhilfe zu fassen bekommt.

Schwimmer, mit denen so eine Luft-Wasser-Rettung trainiert wurde, berichten: „Durch die Konzentration auf die anfliegende Drohne und durch den Zuspruch aus der Ferne wurde ich ruhiger, fühlte mich gleich sicherer. Merkte nach weniger als einer Minute: Da kommt Hilfe!“ Um eine solche Hilfe aus der Höhe leisten zu können, wurden inzwischen 67 Wasserretter im Land beim DRK zu Drohnenpiloten qualifiziert.

Patienten profitieren von Funktionskleidung

Der letzte Schrei der Mode ist Fanny Fatteicher aus Rostock relativ schnuppe. Entscheidender Qualitätsanspruch an ihr Produkt sind der jungen Gründerin – genauso wie dem Drohnenbauer – ein hoher Grad an Perfektion und Sicherheit. Der Firma MediTex liegt das Wohl von Patienten am Herzen. Dann kommt die medizinische Funktionalität der von ihr selbst entworfenen Bekleidung. Dann vielleicht Farbe und Schnitt.

Fanny Fatteicher (l.) hat MediTex gegründet. Gemeinsam mit Sarah Evers (r.) entwickelt sie medizinische Funktionswäsche.
(Bild: Ralph Schipke)

Krankenschwester hat die junge couragierte Frau mit dem gewinnenden Lächeln gelernt und vor fünf Jahren ihre eigene Firma MediTex gegründet: Bei beiden Lebensentscheidungen geht es für die Jungunternehmerin um Sicherheit und das Wohl von Patienten.

Fanny Fatteicher hat einige Jahre Dialysepatienten betreut, bevor ihr die Idee für eine spezielle Funktionswäsche in den Sinn kam, die sie 2014 erst im Nebenerwerb entwickelte, bis sie im Mai 2016 den mutigen Schritt tat, eine GmbH zu gründen. „Mut ist so ziemlich das Wichtigste, was eine Gründerin oder ein Gründer mitbringen muss“, sagt sie heute. Mehr als vier Jahre bis zur Marktreife sind für die junge Firmenchefin ein Zeichen, „dass manche Prozesse für Start-ups leider zu langsam gehen.“ Dabei sei die Unterstützung mit Fördermitteln gut, die Netzwerke in MV funktionieren, hat Fatteicher immer wieder erfahren können. Am Anfang ihres Weges zur Gründung stand das praktische Problem auf der Station: Wie komme ich immer wieder an den Zugang, den der Patient gelegt bekommen hat?“ Das nervte sie täglich, bis ihr der Einfall kam, selbst Kleidung zu erfinden. „Mir ging es dabei gleichermaßen um mehr Würde für die kranken Menschen und um die Verbesserung hygienischer Standards“, bekennt die Unternehmerin. In zwei Kliniken in MV können Patienten und Personal von Fatteichers Ideenreichtum bereits profitieren. „Kranke Menschen müssen ihre Kleidung nicht mehr komplett aus- oder hochziehen. So wird viel mehr Rücksicht auf die Intimsphäre genommen“, weiß die Ideengeberin.

Die Idee war die eine, die praktische Umsetzung die andere Seite der Medaille. Schwester Fanny hatte in der Gründungsphase sogar einen Nähkurs belegt, bevor endlich gemeinsam mit einer Rostocker Schneiderin ein Prototyp entstand. Heute fertigt das Start-up von der Ostsee unter anderem bei einem Familienbetrieb im sächsischen Burgstädt, erzählt sie aus einem Kapitel ihrer Gründergeschichte, die einer Jury aus IHK und Ostseezeitung 2016 dann einen Gründerpreis wert war.

»Mut ist so ziemlich das Wichtigste, was eine Gründerin oder ein Gründer mitbringen muss.«
FANNY FATTEICHER

Und immer noch fallen Fanny Fatteicher neue unternehmerische Ideen ein und sie weiß, dass das junge Medizinunternehmen in diesem Geschäftsjahr, wenn die Förderung ausläuft, auf eigenen Beinen stehen soll. Dafür und für ihre mittlerweile drei Produktlinien kämpft sie wie eine Löwin. „Helfen würde uns sehr, wenn die Krankenkassen einen Zuschuss für medizinische Funktionswäsche einräumen könnten“, sagt Fanny Fatteicher. Und natürlich wünscht sie sich viele Kliniken, die offen für ihre durchdachten, praxistauglichen und bequemen Textilien sind.

Tobias Gebhardt kann sich eine „Schwester Alexa“, eine Anwendung mit künstlicher Intelligenz, für Kliniken gut vorstellen.
(Bild: Ralph Schipke)

Bei der Hygiene auf die Finger geschaut

Auch bei einem Stralsunder Start-up dreht sich alles um Patientenwohl und Hygiene. Vier kluge Köpfe haben sich um Maik Gronau geschart, um etwas Bahnbrechendes aus dem „Internet der Dinge“ in die Welt der Kliniken und Pflegeeinrichtungen zu verpflanzen. Eine Art Push-Button oder Trigger für die Verwendung von Desinfektionsmitteln. Offiziell heißt ihr System: „Digitaler Assistent für die Krankenhaushygiene“. Aber Tobias Gebhardt kann sich durchaus vorstellen, dass sich aus dem GWA-Transponder, den demnächst jeder Arzt und jeder Klinikbeschäftigte tragen könnte, und dem in Stralsund entwickelten datenbasierenden NosoEx-Monitoringsystem einmal eine Art „Schwester Alexa“ entwickelt, die mit künstlicher Intelligenz viele hochkomplexe Prozesse in Krankenhäusern europaweit steuert. Aber das ist echte Zukunftsmusik.

Das Hygienemonitoring von GWA Hygiene lässt sich nicht nur in Kliniken anwenden. Auch in Pflegeeinrichtungen und Großküchen könnte es genutzt werden.
(Bild: GWA Hygiene GmbH)

Die Gründer aus Vorpommern haben sich auf die Händehygiene fokussiert. Ein Mega-Thema, denn immer wieder liest man von multiresistenten Keimen in Krankenhäusern. „In Deutschland sind jedes Jahr 700.000 sogenannter nosokomialen Infektionen zu verzeichnen. 10.000 – 15.000 davon enden tödlich. 90 Prozent der Keimübertragungen erfolgen über die Hände.“ Tobias Gebhardt startete schon in der Studienzeit „mehrere Sachen“, wie er heute sagt. Er hält wie Hanna Bachmann im Bundesverband Deutsche Startups die MV-Flagge hoch. Auf die Handhygiene ist er bereits als Student verfallen, als sie bei Tests an Hochschulen des Landes herausbekommen wollten: „Wer drückt häufiger den Seifenspender?“

Klarer Standortvorteil

Gründer im Nordosten müssen sich bei Politikern, Wirtschaftsverbänden oder Fördertöpfen nicht hinter Hunderten anderen anstellen. „Wir kennen uns landauf, landab, vernetzen und unterstützen uns, statt gegeneinander zu konkurrieren“, erklärt Hanna Bachmann, Mitgründerin von hepster und Regionalsprecherin beim Bundesverband Deutsche Startups. Heute wird den Start-ups zugehört. „Wir werden gefragt: Was braucht ihr? Was hilft euch?“, so Bachmann.
(Bild: hepster)

Bei wissenschaftlich begleiteten Untersuchungen in Kliniken in Karlsburg und Lüneburg stellte sich heraus, dass mit dem Transponder am Mann oder an der Frau der Verbrauch von Desinfektionsmitteln nennenswert steigt und sich die Hygiene im Klinikalltag nachweislich verbessert.

„Das Silicon Valley liegt auch nicht mitten in der Großstadt“

Zu den Bedingungen für Gründer findet Tobias Gebhardt ähnliche Worte wie Kollegin Hanna Bachmann. Berlin sei voll und laut – Vorpommern dann doch ruhiger. „Aber das Silicon Valley sitzt ja auch nicht mittendrin in der Metropole San Francisco. Bei uns im Land gibt es viel mehr Wachstumsmöglichkeiten und kurze Wege und die Gründer kennen sich untereinander.“ Ihm fallen sofort Start-ups aus anderen Branchen ein, wie das Rechtsbeistandsportal Advocado oder Hanna Bachmanns Versicherungsideen unter dem Namen „hepster“. „Wenn jemand bei uns in MV startet“, denkt Gebhardt, „dann weil er etwas entwickeln will.“ So wie auch der aus Hessen nach Vorpommern „eingewanderte“ Carsten Mahrenholz.

Revolution aus Vorpommern

Das Plasma, das Wunden behandelt und Keime tötet, ist kalt. Und der Gründer – das Gesicht des Greifswalder Start-ups Coldplasmatech – ist nicht weniger cool. Mit dem 2015 gegründeten Medizinstart-up erhielt Carsten Mahrenholz, der Biologie studierte, in Chemie promovierte und in Berlin und Cambridge noch Wirtschaft draufsattelte, bereits eine Menge honoriger Auszeichnungen: im Herbst 2018 gerade den Deutschen Innovationspreis. Doch besonders stolz ist Mahrenholz über seine Platzierung in der Business-Punk-Watchlist. Das alternative Wirtschaftsmagazin wählte den Greifswalder Wissenschaftler auf Platz 1 unter die 100 Frauen und Männer, deren Ideen, Projekte und Start-ups den Weg in die Zukunft weisen! Maik Gronau von GWA Hygiene belegte im Übrigen hinter ihm auf der Health & Science Liste Platz 5.

Carsten Mahrenholz wurde vom Wirtschaftsmagazin „Business Punk“ auf Platz 1 der Health & Science Liste gewählt. (Bild: Coldplasmatech, Nadine Bauerfeind)

Die in der Hansestadt entwickelten Wundauflagen aus Silikon sollen schon bald zwei große medizinische Herausforderungen lösen: Einerseits können damit chronische Wunden behandelt werden, „ein Problem, das allein im deutschen Gesundheitssystem pro Jahr sechs Milliarden Euro verschlingt“, so Mahrenholz. Andererseits tötet das Niedrigenergie-Plasma multiresistente Keime ab. Solche Keime trotzen immer häufiger Antibiotika und anderen Therapien. Und in wenigen Jahren könnten solche Mega-Keime weltweit zur Haupttodesursache – insbesondere in der Wundbehandlung – werden, erklärt Mahrenholz.

Wunder-Wundauflage aus Greifswald

Eine medizinische Wirkung von Plasma hatten Wissenschaftler vom Greifswalder Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP) bereits vor einiger Zeit entdeckt. Und Coldplasmatech gehört als Ausgründung aus dem Institut zu den Ersten, die aus dieser wissenschaftlichen Erkenntnis ein marktreifes Produkt entwickeln konnten.

»Wichtig für jede innovative Firma ist es, den Markt vorauszudenken.«
CARSTEN MAHRENHOLZ

In diesem Jahr werden die Greifswalder mit potenten Partnern die Serienproduktion starten. 2.000 Pakete des Hightech- Produktes liegen bereits im Lager bereit. Denn das völlig neuartige Behandlungsverfahren wird in Kürze Teil einer klinischökonomischen Studie.

Carsten Mahrenholz will kein stilles Start-up aus Vorpommern leiten, sondern ist stets und überall rockig und punkig unterwegs. Scheut sich nicht, kleine und große Rebellionen anzuzetteln, die dann bessere Lösungen durchsetzen. Dabei schlägt er unbeschrittene Wege ein und scheut keine kalkulierten Risiken. Alles verbunden mit seinem Bekenntnis: „Wir bleiben als Firma hier!“ Als europäisches Start-up im Herzen Mecklenburg- Vorpommerns.

Das Plasmapflaster aus Greifswald soll in diesem Jahr in die Serienproduktion gehen. (Bild: Coldplasmatech, Nadine Bauerfeind)

Für alle Gründer und Gründerinnen, Start-ups und junge Unternehmen in MV wurde das Internetportal GRUENDER-MV.DE eingerichtet. Diese Seite bietet Best-Practice-Tipps und Infos zu Fördermitteln. www.gruender-mv.de

Mit Unterstützung von BioCon Valley