Die kleine Schöne: Neustrelitz

Leben

Springbrunnen und Kirche auf dem Marktplatz in Neustrelitz (Bild: Stadt Neustrelitz)

Eine Stadt voll architektonischer Reize, mit reichem Kulturangebot, flankiert vom Müritz-Nationalpark und nahe Berlin: Neustrelitz ist ein Geheimtipp zum Leben.

Text von Marieke Sobiech

„Diese Stadt hat ein Theater.“ Stolz und selbstbewusst prangen die Worte auf einem meterlangen Banner mitten in Neustrelitz. Gerade einmal 22.000 Einwohner zählt die frühere Residenzstadt, deren spätbarocke Architektur italienischen Vorbildern nachempfunden ist. Als europaweit einmalig gilt die sternförmige Stadtanlage mit ihren schnurgeraden Straßen und dem großen quadratischen Marktplatz im Zentrum. Sie ist Kulisse für vielfältige Veranstaltungen, zuletzt für die Fanfaronade: Angeführt vom gastgebenden Fanfarenzug – übrigens aktueller Weltmeister – marschierten mehr als 800 Spielmannsleute gemeinsam und stellten damit einen Weltrekord auf. Kultur, viel Kultur, ist seit jeher fester Bestandteil in Neustrelitz. Sie hält die schöne Stadt in der Mecklenburgischen Seenplatte, nur rund 100 Kilometer von Berlin entfernt, lebendig. Kein Wunder, dass es bereits die ersten hauptstadtgeplagten Familien nach Neustrelitz zieht. Hierher, wo Flaniermeilen entlang prächtiger Hausfassaden direkt an idyllischen Seeufern oder mitten im Müritz-Nationalpark enden.

Weltmeister, Weltrekordhalter und demnächst erster europäischer Teilnehmer in Hongkong: der Neustrelitzer Fanfarenzug. (Bild: Stadt Neustrelitz)

Neben üppiger heimischer Fauna ist in Neustrelitz auch ein besonderes exotisches Gewächs zu finden: die Strelitzie, Repräsentationsblume der Stadt. Ihren Namen erhielt die aus Südafrika stammende Pflanze zu Ehren der englischen Königin Charlotte, geborene Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz. Gleich mehrere mächtige Frauen entstammen diesem Herzogshaus, darunter Preußenkönigin Luise. Auch die Gründung von Neustrelitz selbst soll auf weiblichen Tatendrang zurückzuführen sein.

Schlossberg, Schlosskirche, Schlossgarten sind heute ausgeschildert. Allein ein Schloss ist nicht mehr zu sehen. Das imposante Bauwerk, das seine Frau für Großherzog Adolf Friedrich III. ab 1726 errichten ließ und dies zugleich zum Anlass nahm, eine Stadt drumherum zu planen, brannte kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ab. Seitdem führt der Blick an dieser Stelle ins Grüne. Doch die Neustrelitzer können Lücken füllen, Kultur sei Dank. Zum Beispiel mit den Festspielen des traditionsreichen Landestheaters: Alljährlich im Sommer findet nahe der alten Schlosskeller eine spektakuläre Operetteninszenierung unter freiem Himmel statt.

Das Weltraumwetter kann das Leben auf der Erde gravierend beeinflussen. Am DLR-Standort Neustrelitz forscht Dr. Jens Berdermann dazu.
(Bild: Marieke Sobiech)

Forschen zum Weltraumwetter

Während die Festspielbesucher auf gutes Wetter hoffen, interessiert sich wenige Kilometer entfernt auch Dr. Jens Berdermann für die Aktivität der Sonne. Seine Aufmerksamkeit gilt jedoch dem Wetter im Weltraum, welches maßgeblich von dem bis zu 15,6 Millionen Grad Celsius heißen Stern bestimmt wird. Seit 2011 arbeitet der promovierte Physiker beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) am Standort Neustrelitz. Mit seiner elfköpfigen Arbeitsgruppe forscht der Wissenschaftler zu den Folgen von solarer Strahlung und Sonnenstürmen. „Im All gibt es mittlerweile eine umfangreiche technische Infrastruktur“, erklärt der Experte, „doch durch extreme Wetterereignisse im Weltraum könnten zum Beispiel Navigations- und Kommunikationssysteme nachhaltig beschädigt werden. Das hätte gravierende Auswirkungen auf unser Leben.“ Um entsprechende Schutzmaßnahmen zu gewährleisten, werden mit Partnern wie der Europäischen Weltraumorganisation ESA verlässliche Vorhersagemodelle entwickelt. In Neustrelitz ist dafür die Gründung eines eigenen DLR-Instituts im Bereich Weltraumwetter geplant. „Das ist eine sehr wichtige Investition in die Zukunft“, ist der Forscher und Familienvater Berdermann überzeugt.

Die angehende Bundespolizistin Melina Wickboldt mag die Vielfalt des kleinen Städtchens.
(Bild: Marieke Sobiech)

Zukunft? Mit Sicherheit.

Auch Melina Wickboldt weiß um die Bedeutung ihrer baldigen beruflichen Aufgabe. Die 17-Jährige absolviert eine Ausbildung bei der Bundespolizei. Sie gehört zu den 450 Schülern des Neustrelitzer Aus- und Fortbildungszentrums – eines der größten von sieben deutschlandweit. Hier werden künftige Bundespolizisten für den Einsatz an Flughäfen und Grenzen, auf Bahnhöfen und hoher See, bei Fahndungen, Kriminalitätsbekämpfung oder Schutzmaßnahmen geschult. Ein Jahr lang trainierte Melina Wickboldt in einem Fitnessstudio, um auch den sportlichen Teil der Aufnahmeprüfung zu bestehen. Mit Erfolg. „Meine Eltern sind sehr stolz auf mich“, freut sich die gebürtige Dömitzerin, „sie wissen, dass diesen Job nicht jeder machen kann.“ Im Februar 2021 wird sie ihre Ausbildung abschließen. Bis dahin gilt montags bis freitags: 6.55 Uhr Dienstantritt, zehn Stunden später Dienstschluss. Zwischen Lehrsaal, Turnhalle und Wald spielt sich das Leben der Polizeianwärter vornehmlich ab. Viel Freizeit, um beispielsweise ins Kino zu gehen, bleibt nicht. Dabei lohnt sich gerade das in Neustrelitz.

Vor 28 Jahren kam Horst Conradt aus Hessen nach Neustrelitz. Heute sind er und seine „Alte Kachelofenfabrik“ eine Institution.
(Bild: Marieke Sobiech)

Kultur statt Kacheln

Das Programmkino in der denkmalgeschützten „Alten Kachelofenfabrik“ wird seit der Eröffnung mit Auszeichnungen überhäuft. Gründer Horst Conradt hatte das Areal von seinem Vater geerbt. Dieser war 1945 nach Westdeutschland geflohen. Fast 50 Jahre später stand sein Sohn vor den backsteinernen Ruinen. Ratlos. Doch der Kulturschaffende aus Hessen entdeckte bald das Potenzial des Areals, die spannende lokale Musikszene, die kunstinteressierte Bevölkerung, und wagte, was kaum jemand als zukunftsfähig erachtete: Er sanierte die baufällige Fabrik, um Neustrelitz einen weiteren Ort der Kultur zu schenken. Und sich selbst eine neue Heimat. Heute ist die „KOF“ Neustrelitz’ erste Adresse für Kultur, Kulinarik und mit dem Öko-Hotel auch für Übernachtungen. Ehrenamtliche Mitglieder des ansässigen Vereins sichern Abenddienste im Kino, bilden ein Kuratorium für die Galerie, organisieren Lesereihen und Autorengespräche. Mit sechs festen Mitarbeitern hatte Conradt den Betrieb aufgenommen, mittlerweile sind es 20. Zurzeit plant der scheinbar Unermüdliche den Ausbau einer alten Scheune zum Tagungsort. „Ich bin einfach ein Fan von Provinzarbeit“, sagt Conradt, „hier aus Neustrelitz ziehe ich nicht mehr weg.“