Wege durchs Leben

Land

Seit 2013 leitet Birgit Jepsen das „Haus der Zukunft“ in Warin. (Bild: Silke Winkler)

„Starke Frauen gehen ihren eigenen Lebensweg“, sagt Luzia Valentini. „Sie wollen etwas bewegen“, ergänzt Birgit Jepsen. Und Veronika Schubring meint: „Es wird viel zu viel Zeit mit Denken verbracht, statt es einfach mal zu machen.“ Wir berichten von drei starken Frauen aus MV, die sich noch nicht begegnet sind und in völlig unterschiedlichen Berufen arbeiten. Die Vorstellung davon, wie sie leben wollen – das verbindet sie.

Text von Dörte Rahming

Theo kommt von der Schule, stellt seine Tasche ab. Erste Frage: „Krieg ich einen Joghurt?“ Er holt sich einen aus dem großen Kühlschrank in der Ecke. Kurz darauf stehen Felix und Alexandra im Raum. Familiäre Atmosphäre in der großen Küche. Zwar ist das Haus mit den Fenstern zum Garten nicht das Zuhause der Kinder, aber sie kommen fast jeden Tag nach der Schule hierher zu Birgit Jepsen. Seit 2013 leitet die Sozialpädagogin das „Haus der Zukunft“ in Warin, einer Kleinstadt im Landkreis Ludwigslust-Parchim mit knapp 4.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Ein Jugendclub der besonderen Art, in dem Grundschülerinnen und Grundschüler genauso willkommen sind wie Teenager. In dem gespielt, gegessen, geredet, gelesen, gelernt oder musiziert wird. Erst um 18 Uhr werden die Türen abgeschlossen.

Birgit Jepsen öffnet das Haus an vier Tagen pro Woche. (Bild: Silke Winkler)

2009 wollte die Kirchgemeinde Warin ein Zentrum für Kinderund Jugendarbeit aufbauen – das alte Pfarrwitwenhaus bot sich dafür an. Es stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist das älteste Haus des Ortes. Bis heute prägen Fachwerkbalken die meisten Räume. Der riesige Garten war früher zum Teil überwuchert, heute zieht sich eine Wiese mit Obstbäumen bis hinunter zum Flüsschen – Platz genug für Sommercamps und eine Feuerstelle. 

Anfang 2013 war das „Haus der Zukunft“ fertig, aber etliche der Jugendlichen mussten erst mal lernen, respektvoll mit fremdem Eigentum umzugehen. Inzwischen kommen auch viele Grundschülerinnen und Grundschüler. „Die wachsen hier rein, kennen die Regeln, Große und Kleine sind zusammen“, sagt Birgit Jepsen. Manchmal gibt es Angebote wie Musikunterricht, Kochen oder Sport. Regelmäßig braucht jemand Hilfe bei den Schulaufgaben, eine Nachhilfelehrerin kommt extra ins Haus. Die couragierte Frau begegnet jedem auf Augenhöhe. Auch Kinder aus schwierigen Familien bekommen Unterstützung. „Es läuft gut, aber wir könnten noch mehr machen, wenn ich nicht allein wäre. Schön wäre ein Mann, der die Jungs an sich bindet. Sie könnten zum Beispiel handwerkliche Projekte machen.“ 

»Das hier ist meine zweite Familie – und auch für die Kinder scheint es so zu sein. Manchmal sagen sie aus Versehen ›Mutti‹ zu mir.«
 Birgit Jepsen

Birgit Jepsen ist in Niedersachsen aufgewachsen, absolvierte in Hamburg mehrere Ausbildungen: Zahnarzthelferin, Erzieherin, Sozialpädagogin, Heilpraktikerin. Vor etwa 18 Jahren kam sie zu ihrem Mann ins ruhige Brüel, ihre Töchter sind inzwischen 17 und 15. „Mecklenburg-Vorpommern ist wunderbar“, meint die 53-Jährige. „Ganz viel Wasser, das hat mich immer beeindruckt. Und: Es ist individuell, nicht so ,übergepflegt‘ und gar nicht langweilig. Die Leute sind besonders – ich mag das.“

Birgit Jepsen hat hier schon an der Volkshochschule Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker ausgebildet, ist Referentin zum Beispiel bei der Arbeiterwohlfahrt. Theo, Felix und Alexandra haben sich inzwischen um den Tisch versammelt, noch haben sie Birgit für sich. Später, wenn die anderen Kinder kommen, wird es unruhiger. „Das hier ist meine zweite Familie – und auch für die Kinder scheint es so zu sein. Manchmal sagen sie aus Versehen ,Mutti‘ zu mir.“ Birgit Jepsen lacht. Bei ihr können die Kinder sich frei bewegen und ihre Ideen umsetzen.

Veronika Schubring (Bild: Dörte Rahming)

Frei denken für neue Ideen

Genau das ist auch bei Veronika Schubring gefragt. Die 32-Jährige arbeitet als Unternehmensberaterin der besonderen Art. Über allem steht „Design Thinking“, eine Kreativmethode, durch die Innovationen befördert werden. „Wenn zum Beispiel die Stadtwerke ein neues Dienstleistungskonzept im Kontext der Energiewende entwickeln wollen: Ich würfle ein Team aus allen Abteilungen zusammen, und sie reden darüber, welche Ressourcen sie haben, welche Anforderungen bestehen, wie ein neues Produkt aussehen kann. Es geht darum, wie die Expertinnen und Experten zu dem jeweiligen Thema kommunizieren.“

Gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse verstehen, analysieren, gestalten – was sperrig klingt, ist jedoch ganz praktisch: „Es heißt, wie gehen wir miteinander um, wie gestalten wir Prozesse miteinander.“ Auch das Ausprobieren werde hierzulande oft durch zu viel Planung und Bedenken eingeengt, und am Ende sei oft das vorher durchgespielte Szenario in der Realität gar nicht dabei. „Es wird viel zu viel Zeit mit Denken verbracht, statt zu sagen, lass uns das einfach mal machen. Und wenn wir auf dem Holzweg sind, lernen wir durchs Ausprobieren.“ So brechen Routinen auf, Lernen und Entwickeln gehen schneller und besser.

»Wenn wir auf dem Holzweg sind, lernen wir durchs Ausprobieren.«
 VERONIKA SCHUBRING

Ihr Weg begann in Schwerin. „Viele haben auch noch Anfang der 2000er-Jahre gesagt, wenn du was werden willst, musst du weggehen aus Mecklenburg-Vorpommern“, erinnert sie sich. Sie ging – zunächst nach Nürnberg, absolvierte dort ein duales Studium in Betriebswirtschaft, arbeitete beim Pharma- Unternehmen Novartis. Es folgten weitere Jahre in der Zentrale in Basel. „Ich wollte verstehen, wie so ein globaler Konzern funktioniert“, sagt sie.

Veronika Schubring (r.) wurde im März dieses Jahres für ihre bisherige Arbeit mit dem „#MADEinMV“ Preis in der Kategorie „New Work“ ausgezeichnet. (Bild: Lichtblicke Jula Welzk)

Später studierte sie an einer privaten Universität in Berlin weiter: Verwaltungswissenschaft. „Von dort wurde mir ermöglicht, ein selbst gewähltes Projekt in Rostock zu begleiten. So haben wir die Studieninhalte verarbeitet.“ Sie wollte einen erweiterten Innovationsbegriff nach Mecklenburg-Vorpommern bringen – es entstand das „projekt:raum“ direkt am Warnow-Ufer: ein Co- Working-Space. Ein Ort für Menschen, die Neues ausprobieren wollen. Neutraler Boden jenseits bestehender Institutionen.

Wenig Regeln, dafür große Vielfalt. Sie selbst wollte ohnehin immer zurück nach MV. „Es hieß ja lange, junge Frauen würden abwandern – das wollte ich mir nicht nachsagen lassen.“ Dazu kam die Liebe. Schubrings Partner lebte in Rostock, eine Fernbeziehung wollten beide nicht. Gerade haben die beiden das zweite Kind bekommen. Die große Schwester ist selbst kaum anderthalb Jahre alt, der Vater ebenfalls selbstständig – da sind Geduld und Verständnis gefragt, auch Hilfe wird gern angenommen. „Da holt dann einfach mal jemand die Kleine aus der Kita mit ab, wenn es länger dauert, nimmt sie auf den Spielplatz mit.“

Büronachbarn sind Freunde, Arbeit fühlt sich oft nicht wie Arbeit an, Grenzen verschwimmen. „Es fühlt sich ein bisschen an wie ein großer Hof auf dem Land. Aber wir sind hier in der Stadt gut aufgehoben.“ Und das „projekt:raum“ ist inzwischen nicht mehr allein an der Warnow: Auf dem Areal haben sich etliche kreative Firmen angesiedelt, etwa 50 Menschen arbeiten hier. „Wir könnten locker doppelt so viele werden, wenn wir nur den Platz dafür hätten“, schwärmt Veronika Schubring. Das „Warnow Valley“ ist und bleibt ein Ort für Neues.

Luzia Valentini (Bild: Silke Winkler)

Forschung mit Gesundheitseffekt

Neue Wege sucht auch Luzia Valentini. Seit 2015 pendelt sie zunächst zwischen Berlin und Neubrandenburg inzwischen nur noch zwischen Hochschule und Innenstadt mit dem Fahrrad. Die Österreicherin ist Professorin für Klinische Diätetik und Ernährung an der Hochschule Neubrandenburg. „Hier ist alles so nah beieinander, dass ich mein Auto ab und zu mal Gassi fahren muss, weil ich es kaum brauche“, lacht die 54-Jährige.

Ihr Weg bis hierher begann in Wien: Studium der Ernährungswissenschaften. Später war sie Chefredakteurin der „Österreichischen Krankenhauszeitung“, arbeitete zwei Jahre in den USA, weitere zehn an der Charité Universitätsmedizin in Berlin. Also aus der großen Welt nach Neubrandenburg? „Ja, denn hier wurde ein ganz neuer Studiengang aufgebaut, den vorliegenden Studienplan fand ich sehr erfrischend, auch international ausgerichtet“, sagt die Professorin.

»Für mich bedeutet diese Gegend mit den vielen Seen pures Lebensgefühl.«
 LUZIA VALENTINI

Sie betreut den zweijährigen Studiengang Diätetik für Diätassistentinnen und Diätassistenten. „Diese Berufsgruppe ist in Deutschland bisher nicht akademisch ausgebildet – entgegen dem internationalen Standard.“ Diätassistentinnen und Diätassistenten sollten alle Fakten über die Patientinnen und Patienten kennen, vom medizinischen Zustand über die Arzneimittel bis hin zu den Blutbefunden. Nur dann könnten sie eine echte individualisierte Ernährungstherapie entwickeln.

Luzia Valentini im Interview

Luzia Valentini im Interview beim "Studieren mit Meerwert - Uni-Check 3.0" an der Hochschule Neubrandenburg.

Aus ganz Deutschland nach MV

Maximal 25 Studierende können hier pro Jahr ausgebildet werden. Dafür kommen sie aus ganz Deutschland in die Vier Tore-Stadt am Tollensesee. Wichtig ist der Professorin auch die Forschung: „Dadurch ist man gezwungen, sich mit neuen Entwicklungen zu beschäftigen und diese in die Lehre einzuweben. Denn in unserem Bereich laufen Entwicklungen sehr schnell ab.“

Es gebe viele Möglichkeiten, sich gesundheitsfördernd zu ernähren und trotzdem weiterhin Genuss zu erleben für Patientinnen und Patienten genauso wie für gesunde Menschen, meint die Expertin, rät jedoch von allen extremen Richtungen oder Hypes ab: „Wenn Ernährung etwas bewirkt, dann nur über die Dauer.“ Am besten geht das regional, mit gesundem Menschenverstand und vor allem mit Genuss. Denn: „Gesunde Ernährung, mit der man sich abquält, kann nicht gesund sein.“

Projektarbeit: Luzia Valentini mit ihren Studierenden. (Bild: Silke Winkler)

Im Moment bleibt ihr noch nicht viel Freizeit die zu füllen ist jedoch leicht. Denn hier findet sie alles, was sie mag: Natur und Kultur, Radwege und Museen. „Ich mag die Landschaft“, schwärmt Valentini. „Ich komme ja aus den Bergen, für mich bedeutet diese flache Gegend mit den vielen Seen pures Lebensgefühl.“ Die Neubrandenburger Konzertkirche liegt direkt gegenüber ihrer Wohnung: „So bequem hatte ich es noch nie“.