Ein stilles Glücksgefühl

Land

Tauschte früher Fisch gegen Cognac: Günter Sell. (Bild: Silke Winkler)

Grenze, Stacheldraht, ein ummauerter See das ist Vergangenheit. Neues Leben regt sich in der Region. Aber Erinnerungen bleiben wie sechs kurze Besuche zeigen.

Text von Andreas Frost

Zufrieden blinzelt Günter Sell in die Abendsonne, deren Strahlen vom krisseligen Wasser des Dassower Sees reflektiert werden. Lange musste der alte Fischer auf diesen Blick verzichten. Das Fischen war ihm hier – unmittelbar vor seiner Haustür – verboten. Eine Mauer und viel Stacheldraht versperrten die Sicht und den Weg zum See. Das Ufer gehörte zur DDR, das Gewässer mit dem engen Zugang zur Ostsee zu Schleswig-Holstein. Nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 wurde Sells Kutter „Seeadler“ von den DDR-Behörden per Tieflader zum Hafen in Wismar transportiert. Der Fischer und seine Dassower Kollegen durften auf die Ostsee raus, aber der Dassower See war tabu für sie.

Unvergessliche Bilder – hier die ehemalige Grenze zwischen Ratzeburg und Schlagsdorf.
(Bild: Stiftung Mecklenburg)

Dorsch, Hering, Aal, Aland, Schlei – Sell kann Geschichten erzählen, wie er sie zentnerweise aus dem Wasser holte. Und wie er draußen auf dem Meer mit französischen Seeleuten seinen Fang kistenweise gegen edlen Cognac tauschte. „Schlecht ging es uns nicht“, sagt der Fischer. Berichten kann er auch von Nachbarn, die durch die Kanalisation unter der Mauer hindurch zum Dassower See und in den Westen gelangten. Von einfachen Grenzsoldaten, die auf die andere Seite des Sees flüchten wollten, und dort doch nur wieder in der DDR ankamen.

Als die Grenze 1989 fiel, schipperte Sell am nächsten Tag mit seinem Kutter zurück nach Hause. Die Betonplatten und die Metallgitterzäune holten sich die Leute aus der Umgebung. „Ruckzuck war die Mauer weg. So schnell konnste gar nich kieken.“ Auch wenn das Fischen nicht einfacher wurde Sell schaut gern auf seinen See in Dassow.

Neues Leben 

Nur einige Betonplatten erinnern westlich von Zarrentin noch an den Kolonnenweg, auf dem einst DDR-Grenzer patrouillierten. Vor 30 Jahren war das Gelände auf einem breiten Streifen freigeschlagen, direkt am Zaun wuchs kaum ein Halm. „Hier entwickelt sich neues Leben. Von allein. Da greifen wir nicht ein“, erklärt Andreas Vollmann. Der Forstwirt ist Chef der Ranger im UNESCO-Biosphärenreservat Schaalsee.

Arbeitet im „Grünen Band“: Forstwirt Andreas Vollmann. (Bilder: Silke Winkler)

Durch die Mitte des Sees verlief die Grenze. Erst kamen die Birken zurück, dann schlugen Weiden Wurzeln, gefolgt von Buchen und Eichen. Einige heftige Stürme haben sie bereits überstanden. „Beachtlich, wie sie sich in dieser natürlichen Lebensgemeinschaft gegenseitig stützen anders als in Wirtschaftswäldern“, freut sich Vollmann. Als „Grünes Band“ zieht sich heute das Grenzgebiet von der Ostsee bis ins Vogtland. Aber nicht alles bleibt sich selbst überlassen. In der Schaalsee-Region werden Naturschutz und Landwirtschaft miteinander in Einklang gebracht. Ackerflächen zum Beispiel wurden in Weideland umgewandelt. Und für die Flussseeschwalben haben Vollmanns Ranger eine Brutinsel gebaut. „Anfangs waren hier drei Brutpaare“, berichtet der Forstwirt, „jetzt sind es mehr als zwanzig.“

Für ihn ist die „Schwalbe“ längst gesamtdeutsche Gegenwart: Thomas Wischnewski. (Bilder: Silke Winkler)

Gesamtdeutsche Gegenwart 

Wie die Flussseeschwalbe lässt sich auch die „Schwalbe“ von der früheren Grenze nicht aufhalten. „Sie ist längst gesamtdeutsche Gegenwart“, sagt Thomas Wischnewski über den DDR-Kult-Roller der Marke  „Simson“. In seinem Laden in Schlagsdorf, das früher im grenznahen Sperrgebiet lag, verkauft er Ersatzteile und Zubehör für motorisierte DDR-Zweiräder. Den größten Umsatz macht er online. Selbst aus Bayern bestellen seine Kunden Zylinder, Tachodeckel und Auspuff-Krümmer. Manche „Schwalbe“-Fans begeistern sich für die Technik. Andere nutzen die historischen Exemplare, um durch den dichten Stadtverkehr zu kommen. Dank einer Ausnahmeregelung dürfen sie schneller fahren als bundesdeutsche Moped-Fabrikate.

Quirlige Dorf-Aktivistin und glücklich in MV: Ute Rohrbeck. (Bilder: Silke Winkler)

Wischnewski hat verschiedene historische „Schwalben“ in seiner privaten Sammlung. Am liebsten ist ihm die KR51/2. „Mit der kann man sehr vernünftig fahren“, sagt er, obwohl er vor dem Start den Choke ziehen und den Benzinhahn aufdrehen muss.

Lebendiges Dorf

Seit Regisseur Detlev Buck in Rögnitz den Kinderfilm „Hände weg von Mississippi“ drehte, ist es wieder ruhiger im Dorf geworden. Doch Ute Rohrbeck glaubt fest an die Zukunft der manchmal etwas verschlafen wirkenden Ortschaft. Vor 25 Jahren ist die Theatermalerin hergekommen, hat mit ihrem Mann die linke Hälfte des alten Gutshauses saniert und zwei Kinder groß gezogen. „Langsam setzt sich der Gedanke durch, dass die Großstädte übervölkert sind“, sagt sie. Dörfer wie ihres findet sie ideal für junge Familien. „Hier ist nicht alles so aufgeräumt und kleinteilig wie im Westen Deutschlands, hier ist es lebendiger“, sagt sie. Das biete der jungen Generation Spielräume.

Geht nie wieder weg: Tom Wohlgemuth. (Bilder: Silke Winkler)

„Kreative brauchen solch eine Umgebung.“ Natürlich muss die Infrastruktur passen, also schnelles Internet verfügbar sein. Genauso wichtig ist Rohrbeck ein funktionierendes Dorfleben, damit Junge kommen und die Alten bleiben und niemand sich allein fühlt. Sie hat in ihrer Nachbarschaft Fragebögen verteilt, um zu erkunden, wie sich die Rögnitzerinnen und Rögnitzer gegenseitig helfen und was sie gemeinsam organisieren können. „Ich will, dass hier ein paar Junge hängen bleiben“, sagt die quirlige Dorf-Aktivistin.

Wo früher einst die Grenze verlief, hat sich heute neuer Lebensraum entwickelt. (Bild: Silke Winkler)

Viele Jahre ist Tom Wohlgemuths Vater aus Boizenburg zur Arbeit in einem Hamburger Vorort gependelt. Dazu hätte er keine Lust, bekennt der junge Logistiker. Er muss es auch nicht. Bei „Sweet-Tec“ bewegt er täglich bis zu 250 Paletten zwischen den elfstöckigen Hochregalen, er kontrolliert den Eingang von Glukose, Aromen oder Verpackungsfolien, stellt die Bestellungen für die Kunden zusammen. 90 Millionen Bonbons und Fruchtgummis produziert das moderne Süßwaren-Unternehmen am Tag und verschifft sie weltweit.

Wohlgemuth ist in der ehemaligen Grenzstadt aufgewachsen, obwohl sein mecklenburgischer Vater und seine westfälische Mutter erst nach seiner Geburt herzogen. Sie hatten sich in den 1990er Jahren in Schleswig-Holstein kennengelernt. „Ich bin hier schwer wegzukriegen“, beteuert Wohlgemuth. Er trainiert die Fußball-D-Jugend eines Dorfvereins und sorgt am Wochenende als DJ für gute Laune. „Schlager gehen immer.“ Im Sommer radelt er auch mal den Elbdeich entlang, wechselt mit der Fähre nach Bleckede ans andere Ufer und in Hitzacker wieder zurück. Zwischen 1945 und 1989 war das ein Ding der Unmöglichkeit. Die Elbe war Grenzfluss. Für Tom Wohlgemuth ist das nur ein Bild aus einer fernen Vergangenheit.

Möchte an die innerdeutsche Grenze erinnern: Maria Rabes. (Bilder: Silke Winkler)

Ein stilles Glücksgefühl

Im „Grenzhus“ in Schlagsdorf führt Maria Rabes als „Freiwillige“ Besucherinnen und Besucher durch die Ausstellung. Sie erläutert die Geschichten über Flüchtlinge, Grenzsoldaten und Zöllner, erklärt die Details der DDR-Sperranlagen. „Ein grenzenloses Europa ist für uns selbstverständlich“, findet die 18-Jährige, „da vergessen wir leicht, dass es auch anders sein kann“. Es ist ihr wichtig, dass die Erinnerung an die innerdeutsche Grenze nicht verklärt wird. Außerdem sieht sie viele aktuelle Bezüge. Traurig macht sie die Diskussion über die Haltung der EU zu den Flüchtlingen.

Heute erinnern nur noch die Schilder an die ehemalige Grenze: Der Osten des Landes wies das Sperrgebiet mit gelben Schildern aus, der Westen mit weißen. (Bilder: Silke Winkler)

Für ein Zeitzeugen-Projekt hat sie während ihrer Schulzeit ihre Eltern und ihre Großeltern über das Leben in der DDR ausgefragt. Sie bekam unterschiedliche Erfahrungen und Einschätzungen zu hören. Aber wenn sie von ihrem Zuhause im mecklenburgischen Herrnburg entlang der alten Grenze zu ihrem Fußballverein im holsteinischen Eichholz fährt, wird ihr immer wieder bewusst, dass ihrer Mutter eine solche Radtour verwehrt war, als sie so alt war wie Maria jetzt. „Dann verspüre ich manchmal ein stilles Glücksgefühl.“

Es war eine andere Zeit

Für Conny Förster ist die Grenze noch immer präsent. Sie hat ganz in ihrer Nähe in Lübeck gewohnt. Inzwischen lebt sie im mecklenburgischen Lüdersdorf und engagiert sich in der „Grenzdokumentations-Stätte Lübeck-Schlutup“. Sie ist in der früheren bundesdeutschen Grenzkontrollstelle untergebracht. Betrieben wird sie von einem Förderverein, in dem sich Holsteiner wie Mecklenburger engagieren. Uniformen, Orden, Schilder, ein Modell der Grenzanlagen und manche andere Utensilien aus beiden deutschen Staaten hat der Verein zusammengetragen.

„Es war eine andere Zeit“, sagt Conny Förster. „Wir sind neutral, wir beurteilen niemanden.“ Aber erinnern und mahnen will der Verein durchaus. Conny Förster hat ein weiteres Anliegen. Das Video von der umjubelten Grenzöffnung zwischen Schlutup und Selmsdorf am 9. November 1989 verursacht bei ihr immer noch Gänsehaut. Dieses Glücksgefühl, so hofft Conny Förster, möge sich auch bei den Museumsbesuchern einstellen.

Für Conny Förster ist die Grenze noch immer präsent. (Bilder: Silke Winkler)