Kleine Werkstatt – großer Erfolg

Land

(Bild: Jackle & Heidi)

Manufakturen in Mecklenburg-Vorpommern produzieren für überregionale Märkte.

Text von Dörte Rahming

Eis aus der Garage

Mecklenburg oder Melbourne? Vor dieser Frage standen Franziska Göttsche und Martin Horst vor ein paar Jahren. Sie blieben in ihrer Heimatstadt Neubrandenburg, sonst gäbe es jetzt das Eis von „Jackle & Heidi“ nicht. Die beiden Mittdreißiger betreiben hauptberuflich eine Werbeagentur. „Wir suchten nach einem Ausgleich“, erzählt Franziska. „Wir wollten wieder etwas mit den Händen machen.“ Durch Zufall stießen sie 2014 auf ein italienisches Eisfahrrad, kurz danach auf eine Eismaschine – und begannen zu probieren. Es entstanden die ersten von inzwischen 30 Sorten. Die Zutatenliste reicht von Vanille und Schokolade bis zu Salz, Lakritz, Rosmarin oder Eierlikör – allesamt natürlich erzeugt. „Aromen, Milchpulver oder chemische Zusatzstoffe gibt es bei uns nicht“, stellt die Eismacherin klar. „Dafür echte Sahne, Milch und Zucker. Wir verwenden auch keine Weichmacher – unser Eis ist steinhart, wenn es aus der Tiefkühltruhe kommt, da würde jeder Löffel abbrechen. Und es schmeckt dann auch noch nicht.“ Deshalb stehen vor dem Genuss ein paar Minuten Wartezeit. 2016 boten die beiden ihr Eis das erste Mal öffentlich an – und waren sofort erfolgreich. Ein Name war schnell gefunden: „Jackle & Heidi“. Wie in der Novelle gehören sie untrennbar zusammen: Der rundliche Jackle steht für die gehaltvollen, die schlanke Heidi für die kalorienbewussten, fruchtigen Sorten. Bis heute entsteht das Eis in einer ehemaligen Werkhalle – natürlich hygienisch einwandfrei. Etwa500 Portionen werden in der Hauptsaison pro Tag fertig. Die doppelte Menge wäre möglich – allerdings wären dann mehr Mitarbeiter nötig. Derzeit gibt es eine feste Angestellte in der Manufaktur, auch Franziska arbeitet oft mit.

Immer für ein Eis zu haben: das Jackle & Heidi-Duo aus Neubrandenburg.
(Bild: Jackle & Heidi)

Die kalte Leckerei wird in Bechern aus recyceltem Papier verkauft, die einen Deckel aus Maisstärke haben, ein Löffel aus Holz liegt bei. Am liebsten würden die beiden Gründer nur Zutaten aus Mecklenburg-Vorpommern verwenden. „Das funktioniert noch nicht in jedem Fall, aber wir arbeiten dran“, sagt Franziska. Neue Sorten entstehen durch Zufall oder Ausprobieren, im Moment experimentiert sie mit Sanddorn. „Je größer die Stadt, desto experimentierfreudiger die Kunden. Wenn es jemandem tatsächlich gar nicht schmecken würde, bekäme er eine andere Sorte. Aber es ist noch nie jemand zurückgekommen.“ Seit 2017 verkaufen Jackle & Heidi ihr Eis immer öfter in Restaurants, Hofläden oder Supermärkten, hauptsächlich in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

www.jackle-heidi.com

Nachhaltige Laufschuhe made in MV

Wo früher die Kühe von Düssin wohnten, entstehen heute Laufschuhe der Premiumklasse. Vor etwa zehn Jahren starteten die Hamburger Brüder Ulf und Lars Lunge ihre Produktion. „Hier fanden wir die Fachkräfte, die wir brauchten“, erzählt Ulf Lunge. „Denn früher gab es in der Gegend Lederindustrie, die Leute können nähen und steppen.“ Das Gebäude selbst mutet eher wie ein Schloss an, gebaut 1913 von einem Vorreiter der ökologischen Landwirtschaft. Es war in schlechtem Zustand, musste sofort gesichert und restauriert werden. Heute sitzen in der Näherei Frauen, die ihr Handwerk beherrschen. „Wir haben motivierte Leute, die mit der notwendigen Sorgfalt arbeiten“, schwärmt der Chef. Die Angestellten sind für unterschiedliche Arbeitsgänge einsetzbar. Lunges Weg in die Branche begann früh: Schon während seines BWLStudiums betrieb er in seiner Heimatstadt Hamburg einen Laden für Läufer. Sein Bruder kam dazu, irgendwann hatten die beiden sechs Spezialgeschäfte. Heute sind es noch vier, eines davon in Berlin. „Wir hatten festgestellt, dass es einfach nicht die Schuhe gab, die wir gern nutzen“, sagt der ältere der Lunge-Brüder. „Materialien, Fußbettung, Geometrie – das stimmte alles nicht. Und sie gingen schnell kaputt.“ Also beschlossen sie, selbst Laufschuhe herzustellen. Suchten einen Ort dafür und fanden den ehemaligen Kuhstall in Düssin im Landkreis Ludwigslust-Parchim, etwa eine Autostunde von Hamburg entfernt. „Mir gefällt die Einstellung der Leute zur Arbeit und zum Leben. Und das Land selbst ist einfach schön – vor allem, wenn man jahrelang in einem Büro direkt an der Hauptstraße gesessen hat.“

Bei Lunge arbeiten Fachkräfte aus der Region.
(Bild: Lunge Laufschuhe / Andreas Schwarz)

Lunges Lauf- und Bequemschuhe finden Abnehmer in aller Welt. „Mit ,made in Germany‘ wird immer noch Qualität und Nachhaltigkeit verbunden“, sagt Lunge. „Wir machen keine Werbung und wachsen trotzdem. Das ist immer wieder eine Herausforderung für die Produktion.“ Derzeit entstehen gut 100 Paar Schuhe am Tag. Verarbeitet würden Kunststoffe, die Umweltverträglichkeit mit guter Technik vereinbaren, so der Unternehmer. „Sie umschließen auch komplizierte Füße. Wir erreichen Zugfestigkeit, Polsterung und Punkt-Elastizität.“ Die Materialien werden zum Teil auch in der Orthopädietechnik verwendet.

www.lunge.com

Bio-Menüs vom Schlosshof

Zwischen Kiefernwäldern und Kuhkoppeln mitten in Vorpommern liegt Rothenklempenow. Hier werden, direkt gegenüber vom Schloss, vegane Fertigmahlzeiten in höchster Qualität gekocht. Chefkoch Mauricio Franco und sein Team bereiten Bio-Menüs nach Rezepten aus aller Welt zu. Eine Maschine schält 15 kg Kartoffeln in zwei Minuten, der Roboter kann mehr als eine Tonne Gemüse pro Stunde bearbeiten. In den Regalen lagern Couscous und Quinoa neben Basmatireis und Linsen, es gibt Gewürze aus aller Welt. Soweit wie möglich aber sind die Zutaten aus der Region. Die Firma LunchVegaz bekommt das Gemüse von einheimischen Bio-Bauern der Höfegemeinschaft Vorpommern. „Uns waren die kurzen Wege zwischen Erzeugung und Verarbeitung wichtig“, sagt Gründer Govinda Thaler. Gemeinsam mit Schwester, Schwager und Freunden hat er das Unternehmen aufgebaut. Der 33-Jährige ist hier in Vorpommern aufgewachsen. Später ging er nach Berlin, wo er vegetarisches Essen anbot – auf Events, aber auch im eigenen Restaurant. „Wir wollten mit Witz und Humor die Leute zum Nachdenken bringen und sie mit leckerem Essen von vegetarischer Ernährung überzeugen“, sagt der junge Geschäftsführer, der selbst noch nie Fleisch gegessen hat. Langsam entstand die Idee, die fertigen Gerichte haltbar zu verpacken, ohne dass sie an Qualität verlieren. Sie stießen auf die altbekannte Vakuumverpackung. „Sie enthält keinen Sauerstoff, dadurch bleiben Vitamine und Nährstoffe erhalten, das mikrobiologische Milieu ist weniger aktiv“, erklärt Thaler. „So halten unsere Menüs gekühlt etwa 30 Tage und schmecken immer noch wie frisch gekocht.“ Das gibt ihm Zeit, die Essen an Bioläden und Supermärkte in ganz Deutschland und Österreich, die Schweiz und die Niederlande zu liefern. Etwa 1.000 Portionen pro Tag landen frisch verschweißt im Kühlraum – möglich wäre das Fünffache.

Fleischlos lecker: Chefkoch Mauricia Franco bei der Arbeit.
(Bild: Dörte Rahming)

Mit LunchVegaz kehrte Thaler in seine Heimat zurück. Auf dem Gelände des Schlosses Rothenklempenow fand er die idealen Räume und produziert dort seit knapp zwei Jahren. Zwölf Leute hat das Team, die Köche sind schon dabei, neue Gerichte zu kreieren. Bald sollen Kuchen im Glas folgen. Und dann braucht Lunch- Vegaz vielleicht bald eine größere Küche.

www.lunchvegaz.de

Trendsport aus dem Keller

"Wir wollen machen, worauf wir Lust haben - und das in einer möglichst hohen Qualität."
(Bild: Dörte Rahming)

Mitten in der historischen Altstadt von Stralsund treffen sich altes und neues Holz: Während alte Balken das Haus stützen, entstehen in einer kleinen Kellerwerkstatt Sportgeräte aus neuen Brettern: Hier produzieren Marius Drüding und Frank Mersmann in ihrer Manufaktur „Treibholz“ Longboards. „Das sind größere Skateboards, die mehr aufs Fahren als aufs Tricksen ausgelegt sind“, erklärt Frank. Es riecht nach Holz und Lack. Das Schälfurnier aus Buchenholz ist im Umkreis von etwa 200 Kilometern gewachsen. „Man hat verschiedene Lagen dünnes Holz, die in eine Form gepresst und mit Kleber verbunden werden. Das kommt in eine Presse, danach wird die richtige Form ausgesägt und gebohrt, damit man Achsen dranschrauben kann“, erklärt Frank. So lassen sich drei Boards pro Tag herstellen – abhängig von der Nachfrage, die jetzt im Sommer höher ist als in der kalten Jahreszeit. Neben diesen Kleinstserien bauen die beiden aber auch Boards genau nach den Wünschen der Kunden – unter anderem abhängig von deren Größe, Gewicht und gefahrenen Strecken. Damit heben sie sich von der Konkurrenz ab. Hier entstehen etwa 100 Boards pro Jahr. Die beiden 29-Jährigen kamen zum Studium in die Hansestadt, haben seit zwei Jahren ihre Abschlüsse in der Tasche: Drüding hat einen Master in BWL, Mersmann ist Wirtschaftsingenieur. Letzterer baute Boards für sich und seine Freunde schon länger selbst. Aus einer spontanen Idee und einer ersten Werkstatt-Garage wurde noch während des Studiums ein echtes Geschäft. Seit knapp zwei Jahren kommen die Freunde des Straßensports in die Altstadt. „Die Kombination aus Laden und Werkstatt ist perfekt“, sagt Marius. Hier verkaufen sie auch eine eigene Modemarke, außerdem Rucksäcke und anderes Zubehör. „Die meisten Kunden sind zwischen 15 und Ende 20, aber wir hatten auch schon eine Siebenjährige und jemanden, der 70 war.“

Handmade in Stralsund: Drei Boards pro Tag könen in der Treibholz-Manufaktur hergestellt werden.
(Bild: Dörte Rahming)

Die Motivation der beiden: „Wir wollen unabhängig sein, das machen, worauf wir Lust haben – und das in einer möglichst hohen Qualität.“ Ihr nächster Schritt geht in Richtung Wasser: Die beiden bauen jetzt auch Kite- und Wakeboards. „Wir sind hier schließlich an der Küste und selbst Wassersportler“, lacht Marius. „Insgesamt wollen wir überregionalerwerden und mehr online verkaufen.“ Sie haben in Stralsund eine neue Heimat gefunden. „Man fühlt sich hier wohl, und diese Nähe zum Wasser gibt man nicht wieder auf“, sagt Frank.

www.treibholzboards.de