Wo Künstler gern Wurzeln schlagen

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Mit Sprühdosenkunst verdient Daniel Wrede im hohen Norden sein Geld. Als Kind vom Lande musste er Durchhaltevermögen beweisen. (Bild: Anja Bölck)

Ein Graffitikünstler, der das Landleben liebt. Ein Filmemacher, der Menschen aus der Region auf die Leinwand bringt. Eine Grafikerin, die Schnecken über Tastaturen kriechen lässt. In MV fühlen sich Künstler vieler Genres zu Hause. Wir haben fünf Kreative getroffen, die Mecklenburg- Vorpommern einen bunten Anstrich verpassen.

Text von Anja Bölck

Warum MV ihre Wahlheimat sei? Annette Czerny muss nicht lange überlegen: „Weil alles noch nicht so geordnet und aufgeräumt ist.“
(Bild: Anja Bölck)

Haushoher Hinausgucker
Annette Czerny macht sich ´ne Platte

Annette Czerny (52) erlebt gerade einen „künstlerischen Höhenflug“. Zumindest fühlt es sich für sie so an, wenn sie vor dem elfgeschossigen Schweriner Hochhaus steht. Was dort auf der Fassade prangt, ist ihrer Fantasie entsprungen. Schwarzer Untergrund, ein großes lichtes Fenster und Worte, die dort scheinbar ohne Zusammenhang stehen. Doch weit gefehlt. Die Künstlerin hat sich genau überlegt, welche Worte in diesen Stadtteil passen. Hier leben Menschen verschiedener Herkunft und Kulturen und mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten. Nicht weit vom „Worte-Hochhaus“ erinnert das Denkmal des Revolutionärs Lenin an die Ursprungszeiten des Stadtteils. Annette Czerny hat Worte herausgepickt, „die Menschen berühren und das Herz zum Klingen bringen können.“ Inspirationen holt sich die gelernte Bildhauerin im Mecklenburgischen Künstlerhaus Plüschow, wo sie ein Atelier gemietet hat. Das Schloss hat sich seit der Wende zum Refugium für Kreative aus aller Welt entwickelt. Modern und weltoffen. Für Czerny genau das Richtige, um künstlerische Höhenflüge zu vollbringen.

Sara Fischer komponiert ihre Werke aus vielen kleine Strichen.
(Bild: Sarah Fischer)

Schnecke im Stress: Sarah Fischer abseits des Mainstreams

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Mit diesem Gedanken startet Sarah Fischer (30) in den Tag, die Kamera um den Hals. Was sie einfängt, sind ungewohnte Bilder für Grafiken, die die Kunstszene in Staunen versetzen. Umzugskisten, Lampen, Tiere, Pflanzen gehören zu den Lieblingsmotiven der Greifswalderin. Mit viel Gedankenarbeit bringt sie Dinge zusammen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben – dann aber doch kleine Geschichten erzählen. Mal kriecht eine Schnecke über die Computertastatur, mal pendelt ein Handykabel aus einem Eichhörnchennest. Sarah Fischer fragt sich: Was macht die Schnelllebigkeit mit mir? Ihre Kindheit verbrachtedie Künstlerin in Rheinland-Pfalz. Der Wald war ihre Spielwiese und Fußball kicken ihre Leidenschaft. Zeichnen natürlich auch. In Greifswald studiert sie Skandinavistik und Bildende Kunst. Das Glück klopft an die Tür, als sie bei INSOMNALE gewinnt, einem Wettbewerb für junge Künstler aus MV. Es winkt ein Stipendium im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop. Ein Aha- Erlebnis. Der frühe Vogel startet durch ...

Mit Sprühdosenkunst verdient Daniel Wrede im hohen Norden sein Geld. Als Kind vom Lande musste er Durchahltevermögen beweisen.
(Bild: Daniel Wrede)

Ein Sprühkopf liebt das Landleben
Graffitikünstler Daniel Wrede hat sein Hobby zum Beruf gemacht

Was wird aus einem Jungen, der in der Schule wie besessen Bänke bekritzelt? Von dem jeder weiß, wo er als Letztes gesessen hat? Dieser junge Mecklenburger nimmt eines Tages die Sprühdose in die Hand. Doch vorerst zischt der Graffitisprayer Daniel Wrede durch die Dunkelheit der Straßen von Grevesmühlen. Dabei merkt er, dass Nervenkitzel nicht sein Ding ist. Mutig fragt der gelernte Zahntechniker bei einer Firma im Heimatort nach. Die Sache ist gebongt, er hatseine erste legale Fläche. „Von da an habe ich mich rasant entwickelt“, erinnert sich der 32-Jährige. „Und ich hatte bald meinen ersten Kunden in der Tasche.“ Inzwischen laufen sie dem lässigen Kreativkopf, der unter dem Künstlerlabel morpho-graffiti agiert, die Türen ein. Daniel Wrede hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Überall im Norden hinterlässt der junge Mann, der das Landleben liebt, seine Spuren. Zaubert stolze Kraniche, schaukelnde Fischerboote und knallgelbe Rapsfelder auf graue Wände. 100 Jahre früher wäre er wohl Landschaftsmaler geworden.

Landeskulturpreisträger Dieter Schumann verliert niemals die Bodenhaftung.
(Bild: Dieter Schumann)

Vom Matrosen zum Filmemacher
Dieter Schumann bringt Landeskinder auf die Leinwand

Es sind die einfachen Leute, die Dieter Schumann ans Herz gewachsen sind – er trifft sie am Bahnhofskiosk, in Hochhäusern oder in den Dörfern des Landes. Die Ohren weit aufgesperrt,setzt sich der Dokumentarfilmer zu ihnen. Anschließend bringt der Mecklenburger sie auf die Leinwand. Für „Wadans Welt“ (2010), einen Film über die Mitarbeiter der damals insolventen Wismarer Werft, erhält er den Deutschen Kamerapreis. Es ist nicht das Jahr, in dem Dieter Schumann entdeckt wird. Schon viel früher hat er sich seine Sporen verdient. Fünf Jahre fährt er als Matrose zur See, dann wechselt er zum Film. Im Streifen „flüstern & SCHREIEN“ (1988) berichtet er ungeschminkt über die Punk-Untergrundszene der DDR. Hunderttausende pilgern in die Kinos. Lang ist die Liste der Reportagen, die folgen. Verraten sei sein aktuelles Projekt, für das sich der Filmemacher gerade auf Sponsorensuche befindet – es ist eine Doku über den Deutschen Wald, ein Kinderfilm, der den Jüngsten zeigen soll, wo die besten Abenteuer warten.

Ronny Mollenhauer, oder Molle, wie ihn die meisten nennen, ist prägender Kopf der Musikszene MV.
(Bild: Ronny Mollenhauer)

Bassdruck im Bauch
Ronny Mollenhauer liebt alles, was Groove hat

Als Kind litt Ronny Mollenhauer an Allergien. Woraufhin seine Eltern mit ihm von Leipzig nach MV zogen. Eine gute Entscheidung. Heute besitzt der Mann enorm viel Puste. Das macht ihn in der Musikszene in MV zur prägenden Figur. Mit Bassdruck im Bauch geht der junge Ronny nach der Schule zur Lehre nach Berlin. Den musikaffinen Fischkopf prägt alsbald der Clubsound der Hauptstadt. Doch ein Kind, das auf dem Zeltplatz der Eltern aufgewachsen ist, sehnt sich irgendwann nach mehr Natur. Zurück in der Heimat schickt Molle aka Mollono.Bass das eigene Label Acker Records sowie das 3000Grad Festival an den Start (2008). Mindestens 4.000 Leute werden zu diesem Spektakel vom 10. bis 12. August in Feldberg erwartet. „Ein Jahr Vorbereitung steckt im Festival“, betont Molle, der sein Domizil an der Mecklenburgischen Seenplatte hat. „Obwohl es einen großen Andrang gibt, wollen wir aber nicht noch mehr Karten verkaufen. Schließlich ist 3000Grad ein Statement gegen hemmungsloses Wachstum und Konsumwahn.“