Gemeinsam für unser Dorf

Leute

Schloss Bröllin (Bild: Peter van Heesen)

Stadtleben macht glücklich? Das war einmal. Die Freiheit auf dem Land ist größer als in jeder Metropole. Wir stellen Menschen vor, die anpacken, Initiative ergreifen und so das Landleben attraktiv gestalten. Vier Beispiele aus Mecklenburg-Vorpommern.

Text von Christian Moeller

Nicole Sklorz (Bild: Peter van Heesen)

Grenzüberschreitende Kunstprojekte auf Schloss Bröllin

Gästebetreuung hört sich zunächst nach einem entspannten Job an. Aber Nicole Sklorz versucht „das tägliche Chaos zu bändigen“. Und das ist auf Schloss Bröllin, etwas südlich von Pasewalk, nicht immer eine leichte Aufgabe. Schloss Bröllin ist ein internationales Kulturzentrum, geschaffen von Künstlern für Künstler. In den vergangenen 26 Jahren wurden mehr als 500 Projekte auf die Beine gestellt: Theater, Tanz, Musik und Ausstellung zu Fragen der Zeit. „Wir haben immer viele internationale Gäste. Da treffen die unterschiedlichsten Kulturen aufeinander“, sagt Sklorz. Die Nähe zur polnischen Grenze, Stettin ist nur 40 km entfernt, ist für die Arbeit auf Schloss Bröllin ein Segen. „Wir merken eigentlich gar nicht, dass es die Grenze gibt“, so Sklorz. Denn Künstler aus Polen sind praktisch immer dort anzutreffen genauso wie die aus der direkten Nachbarschaft. „Durch den direkten Kontakt zu den Menschen sind wir in der Region verankert“, sagt Sklorz.

Gemeinsam für Zinzow

Veit Vielhaber packt gerne an. 20 Kilometer südlich von Anklam hat er mit seiner Familie in Zinzow ein neues Zuhause gefunden. 1998 kam er mit seinen Eltern aus Paderborn nach Vorpommern hat das alte Gutshaus instand gesetzt und Vieles für die Dorfgemeinschaft angeschoben. „Uns war es wichtig, dass wir uns von Beginn an nicht abschotten. Der Schlossgarten - und das ist auch im Grundbuch festgehalten - ist für die Öffentlichkeit offen.“ Besuchern zeigen die Menschen aus dem Ort inzwischen voller Stolz den kleinen Park. „Es ist eine Kettenreaktion. Wenn man die Menschen mitnimmt, ergeben sich daraus dauerhafte Dinge.“ Angefangen hatte alles damit, dass Familie Vielhaber Fördergeld von Bund und Land für die Gemeinde aufgetrieben hat. Die Straße konnte erneuert werden, die Beleuchtung im Dorf funktioniert wieder und viele Häuser haben neue Dächer. „Von Anfang an haben die Einwohner bei allem mitentschieden“, beschreibt Vielhaber die Entwicklung. Aus dieser Bürgerbeteiligung entstand der Verein `Wir Zinzower´“.

Der Verein organisiert auch zwei Landmärkte, die über die Region hinaus bekannt sind. Der dort verkaufte Obstsaft ist ein Geheimtipp. Vor Jahren schon wurden 100 Bäume auf den Streuobstwiesen wiederbelebt und 150 neue gepflanzt. Der Verein hat eine eigene Saftpresse, der ganze Ort beteiligt sich an der Ernte des Obstes. Bei jeder Gelegenheit packen die Einwohner der Gemeinde zusammen an. Auch wenn es um den Erhalt der Häuser geht. Leerstand gibt es im Ort nicht mehr. „Leere Häuser sind in kurzer Zeit zum Verfall verdammt. Das haben wir hier nicht. Unser Dorf lebt“, sagt Vielhaber.

Starke Gemeinden in der Lewitz

Am Anfang stand ein „Nein“. Den Veranstaltern der Bundesgartenschau in Schwerin war die Gemeinde Banzkow als Außenstandort zu klein. Da haben sich die Orte der Region zusammengetan und es hat dann doch noch mit der BUGA geklappt. Rainer Mönch ist inzwischen Vorsitzender des Vereins Lewitz e. V. Darin arbeiten Gemeinden, Firmen und Privatpersonen zusammen. „Wenn wir dieses Kleinod der Natur bekannter und attraktiver machen wollen, dann geht das nur gemeinsam“, so Mönch. Wander- und Radwege wurden angelegt, Gaststätten und Hotels arbeiten zusammen, Veranstaltungen für Schülergruppen wurden auf die Beine gestellt. Im Herbst dreht sich alles um die Kartoffel. Während der Tüffelwochen im Oktober – dieses Jahr mit dem Abschlussfest in Domsühl – wird geschält, gerieben, gekocht, gebraten, frittiert, gedünstet und gekostet.

Bio-Energiedorf mit Kulturtempel

„Ländliche Räume haben Zukunft.“ Einer, der das nur zu gut weiß, ist Bertold Meyer, Bürgermeister aus Bollewick. Seit 28 Jahren steht er der Gemeinde am Rande des Müritz-Nationalparks vor. Aus einem alten Kuhstall machte er eine überregional bekannte Kulturscheune. Außerdem: Die Gemeinde ist Bio-Energiedorf. Mit der Biogasanlage wird 32 Mal so viel Strom produziert, wie die Bollewicker verbrauchen. Geheizt wird im ganzen Dorf mit der erzeugten Biowärme. „Immer mehr Menschen wollen aus den Städten weg. Bezahlbares Wohnen, nachhaltiges Wirtschaften, frische Luft und Natur – das alles sind Argumente für ein Leben auf dem Land.“ Für Meyer ist das aber erst der Anfang. Junge Leute mit Start-up-Unternehmen im Dorf anzusiedeln, ist sein Traum. Lebensqualität, digitale Infrastruktur, eine Autobahn vor der Tür – Bollewick hat alles.

Strippenzieher zwischen Feuerwehr, Vereinen und Sponsoren

„Ein Dorf braucht eine Kirche, einen Dorfkrug, einen Sportverein und eine Feuerwehr.“ Olaf Volkstädt aus Hornstorf bei Wismar kümmert sich vor allem um Letzteres. Er ist ein Macher. Das lebendige Dorfleben in der 1.200-Einwohner-Gemeinde ist auch sein Verdienst. Als Vorsitzender des Feuerwehrfördervereins zieht er die Strippen, wenn Jugendfeuerwehr, Tischtennisspieler oder Seniorengruppe etwas planen oder Hilfe brauchen. In Hornstorf liegt auch der Sportplatz der „Freibeuter“, einer Rugby-Mannschaft aus Wismar. Die Rugby-Spieler sind inzwischen selbstverständlicher Teil der Dorfgemeinschaft. Erst vor Kurzem hat die Feuerwehr gegen die „Freibeuter“ zunächst Rugby gespielt und anschließend im Wettbewerb „Löschangriff nass“ aufgetrumpft. Nur wegen einer defekten Wasserpumpe haben die Rugby-Spieler verloren. „Es geht darum, alle im Dorf mitzunehmen. Wenn die Menschen sich wohl fühlen, sind sie auch bereit, sich selbst einzubringen“, so die Erfahrung des 53-Jährigen, der auch ganz vorn dabei ist, wenn Spenden von Firmen im Ort gebraucht werden. Schließlich soll die Jugendfeuerwehr beim nächsten Amtsausscheid nicht aus den Uniformen herausgewachsen sein.