Zukunft

Zum Studieren ans Wasser

Text von Anette Pröber

Die Universitäten und Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern sind bei jungen Menschen wegen der vielfältigen Angebote, der Qualität der Lehre und der attraktiven Lage begehrt. Denn ob an der Ostsee oder im Binnenland: Meer und Seen sind für Studierende in MV immer nah. Seit dem Frühjahr 2022 hält die Lehre in Präsenz schrittweise wieder Einzug, kehrt das bunte Studentenleben in die Städte zurück.

„Ich wollte schon immer am Meer wohnen. Meine Heimatstadt Berlin war mir von allem zu viel. Zu groß, zu laut, zu stressig“, erzählt Lisa Rolke. Die 20-Jährige machte ihren Traum wahr und ging zum Studieren nach Greifswald. „Als Schülerin hatte ich auf einer Studienmesse erfahren, dass ich auch im Norden Biologie studieren kann. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, hier mein Bachelor-Studium zu absolvieren.“ Sie schwärmt von den Möglichkeiten der traditionsreichen kleineren Uni, die viele spannende Nischenforschungen wie Gentechnologie betreibt, von den kurzen Wegen in der Stadt, der grünen Umgebung und der nahen Ostsee.

1456 gegründet, zählt die Universität Greifswald zu den den ältesten Universitäten Deutschlands und des Ostseeraumes. (Bild: Universität Greifswald)

Von den insgesamt rund 10.000 Studierenden in der altehrwürdigen, aber eben nicht alten Universitätsstadt Greifswald geben bei Befragungen regelmäßig über 50 Prozent an, wegen der „Nähe zum Meer“ diesen Studienort gewählt zu haben, und rund 40 Prozent wegen des „guten Rufes der Universität“. Da die Stadt sehr übersichtlich ist, begegnen sich Studierende, Lehrende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch außerhalb der Universitätsräume. Beim Freizeitsport, beim Einkauf, im Café auf dem Marktplatz. Oder auch bei den zahlreichen kulturellen Events: der Greifswalder Bachwoche, dem Nordischen Klang oder dem PolenmARkT.

Lisa Rolke, die vor der Corona-Pandemie 2019 mit ihrem Studium begann, fand schnell Kontakte. „Zum Glück hatte ich mich schon gut eingelebt, als die Umstellung auf den Online-Studienbetrieb notwendig wurde. Die gute Vernetzung hat mir über die Zeit geholfen.“ Trotzdem entschied sie sich, ihr Studium um ein Jahr zu verlängern. „Ich möchte so viel wie möglich für mein weiteres Fortkommen mitnehmen.“ Nach erfolgreichem Abschluss wird sie nach Spanien gehen, um dort ein Masterstudium zum Thema Biodiversität in Ökosystemen anzuschließen. Mit dem Surfbrett am Meer.

Aus Algen Energie gewinnen

Jack Schönfisch ist 19 Jahre alt, ebenfalls gebürtiger Berliner und nun Biologiestudent in Greifswald. Er hat seit seiner Schulzeit einen Traum, will als Wissenschaftler daran mitwirken, dass Mikroorganismen den Plastikmüll im Meer abbauen. Ein entsprechender Zeitungsbeitrag über Forscher in Japan, die sich mit den Mikroorganismen beschäftigen, hat ihn nicht mehr losgelassen. „Die Natur fasziniert mich. Beispielsweise lässt sich aus Algen Energie erzeugen. Es gibt noch so unendlich viel zu entdecken“, sagt Jack Schönfisch. Aufgrund der Pandemielage musste er seine ersten Semester in Greifswald im Homeoffice verbringen. „Ich habe die Zeit gut genutzt und viel zu Hause gelesen. Das vorgegebene Pensum war enorm“, erzählt er.

Inzwischen ist die Normalität zurückgekehrt und er freut sich auf volle Hörsäle und spannende Praktika. Jack Schönfisch ist Mitglied in zwei Sportvereinen und liebt Spieleabende mit seinen Freunden. Nebenbei lernt er eifrig die japanische Sprache. „Damit habe ich schon in der Schulzeit begonnen. Das Masterstudium werde ich in Japan absolvieren.“

Will als künftiger Wissenschaftler helfen, den Plastikmüll im Meer abzubauen: Jack Schönfisch. (Bild: Timo Roth)

Machte ihren Traum wahr und zog von Berlin nach Greifswald: Lisa Rolke. (Bild: Timo Roth)

Auslandssemester und -praktika sind rund um den Globus begehrter denn je. An der Universität Rostock waren zum Wintersemester 2021/22 mehr als 12.600 Studierende immatrikuliert, davon 12 Prozent mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft. Von den Studierenden mit deutscher Herkunft erwarben 5.447 (49 Prozent) die Hochschulzugangsberechtigung außerhalb von Mecklenburg-Vorpommern.

Vom Studium direkt zum eigenen Start-up

Vom Studium direkt zum eigenen Start-up: Raijana Schiemann. (Bild: Anette Pröber)

Erfolgreiches Duo: Christian Baudisch, ebenfalls Alumni der Universität Rostock, und Raijana Schiemann. (Bild: Anette Pröber)

Raijana Schiemann, aufgewachsen in Schleswig-Holstein, wollte mit ihrem Freund unbedingt im Norden bleiben. Nach ihrem Biologie-Bachelor-Studium in Greifswald zog es sie zum Masterstudium „Aquakultur“ nach Rostock. Doch dann überstürzten sich die Ereignisse. Ihre Beteiligung an einem universitären Projekt über Mehlwürmer stellte sie vor wichtige Karriere-Entscheidungen. „Eigentlich wollte ich in die Forschung, hatte mich mit Selbstständigkeit und Firmengründung nie ernsthaft befasst“, sagt die heute 27-Jährige. Inzwischen ist sie Co-Geschäftsführerin der INOVA Protein GmbH. 

Gemeinsam mit Betriebswirt und Co-Geschäftsführer Christian Baudisch, ebenfalls Alumni der Universität Rostock, hat die Biologin den Schritt gewagt und aus dem Studium heraus ein Start-up gegründet. Die Idee: Mehlwürmer in großen Mengen automatisiert züchten und verarbeiten, um daraus ein hochwertiges und vielseitig nutzbares Mehl zu produzieren. Das Konzept trifft den Nerv der Zeit. „Vor allem die junge Generation will sich gesund und ökologisch ernähren, lehnt die Bedingungen der Massentierhaltung ab. Unser hochwertiges Mehl aus tierischen Proteinen, Fetten und Mineralien hat deshalb gute Marktchancen“, ist sich Raijana Schiemann sicher. Mit dem überzeugenden Konzept räumte das junge Team zahlreiche Innovationspreise ab und fand Investoren, darunter privates Risikokapital und Fördermittel des Landes Mecklenburg-Vorpommern. 

„Wir fühlen uns im Land und in der Region Rostock mit seinen vielfältigen Förderinstrumentarien sehr gut aufgehoben, haben viel Unterstützung erfahren“, sagt Christian Baudisch, der aus Rostock stammt. Noch im August 2022 soll die Produktion starten. Die ersten Tonnen des Insektenmehls sind bereits verkauft.
Beide Geschäftsführer empfehlen ihre Studienorte gern weiter. „Greifswald und Rostock haben Charme. Durch die Nähe zur Küste und die universitären Einrichtungen, die noch den direkten Draht zwischen Lehrenden und Studierenden pflegen“, erklärt Raijana Schiemann.

Nach einer Umfrage an der Universität Rostock im Jahr 2020/21, die sich an Studentinnen und Studenten in der Mitte ihres Studiums richtete, schätzten ca. 88 Prozent die gute Erreichbarkeit der Lehrenden und ca. 68 Prozent waren sehr zufrieden mit der Betreuung und Beratung.

Universität Rostock

Über 600 Jahre an Erfahrung in Lehre und Forschung: Die Universität Rostock. (Bild: Universität Rostock)

Nico Günzel, Robert Balduhn

 Ihre Roboter sind in bis zu 6.000 Meter Wassertiefe einsetzbar: Nico Günzel (Mitte) und Robert Balduhn (rechts). (Bild: Anette Pröber)

Dr. Wolfgang Blank, Petra Ludwig

Machen sich für die stetig wachsende Gründerszene in MV stark: Petra Ludwig (li.) und Dr. Wolfgang Blank (mi.), beide im Vorstand vom Verbund der Technologiezentren des Landes MV. (Bild: Anette Pröber)

Für die gute universitäre Ausbildung spricht jedoch auch die wachsende Gründerszene in Mecklenburg-Vorpommern, erklären Dr. Wolfgang Blank und Petra Ludwig, die Vorsitzenden des Verbundes der Technologiezentren des Landes. Unter dem Dach „Technostartup MV“ wurden mit finanzieller Unterstützung vom Wirtschaftsministerium des Landes und der Europäischen Union seit 2008 rund 420 Gründungen auf den Weg gebracht. 

Darunter auch das Rostocker Unternehmen Framework Robotics. Drei ehemalige Maschinenbau-Studenten der Uni Rostock entwickelten die Idee, nach einem „Baukastensystem“ Unterwasserroboter zu fertigen, individuell entsprechend den Wünschen der Kunden. Schon während ihres Studiums forschten und bastelten Nico Günzel, Robert Balduhn und Maximilian Hackl kontinuierlich an ihrem Erfolg. Ihre Roboter sind in bis zu 6.000 Meter Wassertiefe einsetzbar. Wesentliche Teile werden per 3D-Drucker gefertigt. Erste Prototypen sind im Bau.

Perspektive vor Augen

Besondere Studienangebote lassen sich auch an den kleineren Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern entdecken. Der Neubrandenburger Nino Beisler war auf die Hochschule vor seiner Haustür durch ein Schulpraktikum aufmerksam geworden. Moderne Labore und Forschungsprojekte im Lebensmittelbereich machten ihn neugierig. Zudem gefiel ihm die Nähe zum Tollensesee, der zahlreiche Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten offeriert. Nino Beisler entschied sich für ein duales Pilotprojekt an der Neubrandenburger Hochschule.

Für die Qualität sämtlicher Produkte von Möwe Teigwaren verantwortlich: Nino Beisler. (Bild: Kathrin Schrader)

Nino Beisler studierte an der Hochschule Neubrandenburg. (Bild: Kathrin Schrader)

Neben seinem Bachelorstudium in Lebensmitteltechnologie erwarb er zusätzlich den Berufsabschluss als Lebensmitteltechniker in dem Warener Unternehmen „Möwe Teigwarenwerk GmbH“. „Ich hatte von Beginn an eine Perspektive vor Augen. Ich wusste, dass ich eine Leitungsfunktion in der Firma übernehmen werde. Deshalb absolvierte ich auch mein Masterstudium in der Region“, erzählt Nino Beisler. Der 27-Jährige hat seine Ausbildung mit Bravour gemeistert und ist seit 2021 Leiter der Qualitätssicherung des Müritzer Traditionsunternehmens. Er zeichnet für die Qualität sämtlicher Produkte von Mehl bis zur Nudel und ist für die Überwachung von 30 Mitarbeitern in der Produktion verantwortlich. 

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